Gemeinsinn braucht Eigensinn

06.05.2019 | TPoscht online
Kulturlandsgemeinde (4)
Gesprächsrunde vor grossem Publikum: Moderatorin Karin Salm, Künstler Florian Graf, Künstlerin, Kuratorin und Aktivistin Sonia Bischoff und Unternehmer Hans-Dietrich Reckhaus (v.l.n.r.). Bild: Hannes Thalmann. Hanspeter Spörri Die 15. Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde – durchgeführt im und beim Zeughaus Teufen – war die bisher am besten besuchte. Dasmochte am Wetter liegen oder an der Dringlichkeit des Themas. Oder an der Vielfalt der Gäste, Werkstätten und Debatten. Es ging um den Gemeinsinn und den Eigensinn, also um Fragen nach dem Sinn allen Tuns, nach dem Zusammenhalt der Gesellschaft. Bewegender Schlusspunkt des zweitägigen Kulturfestivals war das ruhige Gespräch, das Margrit Bürer, Geschäftsführerin der Kulturlandsgemeinde, mit dem Tänzer und Choreografen Martin Schläpfer führte. Der 59jährige Künstler, Sohn einer Rheintalerin und eines Appenzellers, übernimmt im nächsten Jahr die Leitung des Wiener Staatsballetts. In präzisen Worten schilderte Schläpfer den «Schrei nach Wärme, Gemeinsamkeit, Zugehörigkeit, Sinn», den er in grossstädtischer Umgebung auch von seinen Tänzerinnen und Tänzern vernimmt – und die Zerstückelung, welche die Gesellschaft gegenwärtig erfährt. Schläpfer ist ein politischer Mensch, ihn treibt die Frage um, weshalb es kaum zu gelingen scheint, jene Korrektur vorzunehmen, welche «uns als gesamte Gesellschaft retten würde». Er zeigte, wie er eigensinnig seinen künstlerischen Weg geht und gleichwohl ein offenes Ohr für die Anliegen seiner Kompagnie haben muss, schilderte seine eigene Sehnsucht nach Natur und dem nach wie vor intakt wirkenden Appenzellerland. Martin Schläpfer beschrieb auch, was Tanz sein kann: Ausdruck dessen, was vor der Sprach da ist. Er empfahl, nicht zu versuchen, Tanz intellektuell zu verstehen, sondern ihn «energetisch» zu lesen. Zuvor hatte Peter Surber die über Nacht verfasste Sendschrift der Kulturlandsgemeinde verlesen – Fazit der Debatten des Vortags. Darin aufgenommen wurden etwa die Gedanken des Teufner Unternehmers Hans-Dietrich Reckhaus, der beschrieb, wie er als Insektenvernichter zum Insektenretter wurde – durch die Überzeugungskraft der Konzept-Künstler Patrik und Frank Riklin, die ihm den Wert der Insekten zeigten; wie er heute mit Widersprüchen und Ambivalenzen leben muss: Sein Unternehmen produziert weiterhin auch Insektenvernichtungsmittel. Auf den Packungen steht aber der Warnhinweis: «Tötet wertvolle Insekten». Und es werden als Ausgleich neue Lebensräume für Insekten geschaffen. Umsatz und Gewinn seien dadurch zurückgegangen, räumte Reckhaus ein: «Aber die Arbeitsplätze konnten wir erhalten, und es macht Freude, gemeinsam etwas Sinnvolles tun zu können angesichts der dramatischen Ausmasse, welche das Insektensterben angenommen hat.» «Gemeinsinn braucht Eigensinn – und umgekehrt», wird in der Sendschrift festgehalten: «Nur wer bei sich ist, kann auf andere zugehen, mit Respekt, auf Augen- und Herzhöhe. Eine Gesellschaft lebt vom Dialog und von Begegnungen. Sie sind das beste Mittel gegen den Populismus.» Dialog und Begegnung können auch über die sozialen Medien stattfinden, dies zeigte unter anderen Kantonsschüler Dominic Tobler aus Gais in einer Gesprächsrunde, in der es um die «Macht der Vielen» ging, um soziale Medien, Wikipedia und Crowdsourcing, um Bewegungen wie den Klimastreik. «Technologie gibt sich neutral, sie transportiert Wahrheiten ebenso wie Fake News. Das setzt mündige und kritische Benutzerinnen und Benutzer voraus.» «Egoismus und Abkapselung waren gestern», liest man an anderer Stelle in der Sendschrift: «heute und morgen braucht es die Kraft der vielen, in Netzwerken und für Initiativen aller Art.» Wie Gemeinschaft funktionieren könnte, beschrieb Landschaftsarchitektin Vedrana Žalac in einer Diskussionsrunde mit Hilfe einer Erfahrung aus der Gemeinschaftswaschküche, die ohne Waschplan, aber mit ein paar wenigen Regeln besser funktioniert als mit Plan. – Die Kulturlandsgemeinde selber bot immer wieder Beispiele, wie Gegensätzliches harmonieren kann. Der Samstagabend gehörte INES, dem Institut Neue Schweiz, laut Selbstbeschreibung ein «postmigrantischer Think & Act Tank» mit dem Journalisten Uğur Gültekin und der Spoken Word Poetin Fatima Moumouni. Zusammen mit Gästen bestritten sie eine Late Night Show, musikalisch getaktet durch Rap Rhythmen der Harmoniemusik Teufen. Deren Präsidentin Mirjam Staub wurde vom Moderatorenpaar in einer Art interviewst, wie Schweizer häufig anders aussehende Ausländer befragen – sie meisterte die Herausforderung mit Humor und Schlagfertigkeit.

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