Fondue Chinoise und alte Konflikte

21.12.2025 | Nerina Keller

Nur noch wenige Tage. Dann finden sich Familien wieder um den Weihnachtsbaum, das Fondue Chinoise und den Geschenkehaufen ein. Das gemeinsame Feiern ist für viele Tradition. Nebst Vorfreude kommen aber auch oft Fragen auf: «Schaffen wir es dieses Jahr, ohne zu streiten?» Oder: «Warum eskaliert es eigentlich immer an diesem Weihnachtsabend?» Wir haben Beziehungsberaterin und Mediatorin Daniela Suter gefragt.

Daniela Suter wohnt in Niederteufen und berät in ihrer Praxis in St. Gallen Personen bei Beziehungsfragen und Konflikten. Foto: Archiv

Frau Suter, Weihnachten ist für viele mit grossem Stress verbunden. Warum bringt ausgerechnet die Zeit der Nähe und Verbundenheit so viele Menschen emotional an ihre Grenzen?

Die Feiertage wirken wie ein Brennglas: Wir wollen Harmonie, Nähe und Glück – und merken erst unter Druck, wie gross unser inneres Bedürfnis nach Kontrolle oder Perfektion ist. Weihnachten scheitert selten an der Familie, sondern an den Erwartungen, die wir ihr aufladen.

Und trotzdem: Die Familie ist der Ort, wo es dann häufig «kracht». Was macht Familienbeziehungen an Weihnachten besonders konfliktanfällig?

Wer ist der Beste? Wer glänzt mehr als der andere? Solche alten Rivalitäten und unbewussten Muster treten an Weihnachten besonders hervor. Wenn Menschen emotional überfordert sind, greifen sie auf alte Beziehungsmuster zurück. Weihnachten wirkt dabei wie ein Verstärker.

Warum brechen alte Konflikte gerade an Weihnachten so schnell wieder auf?

Den Druck baut sich jede Familie selbst auf. Unausgesprochene Verletzungen und hohe Erwartungen treffen in einem kurzen Zeitfenster aufeinander. Und schon kochen die Emotionen schneller über, als man «Frohe Weihnachten» sagen kann.

Macht es Sinn, Regeln aufzustellen oder Absprachen zu treffen, wenn schon klar ist, dass es Spannungen gibt? Und wenn ja, welche?

Absprachen beginnen bei sich selbst: Will ich ans Fest gehen? Wie lange möchte ich bleiben? Selbstfürsorge ist zentral – Kleidung, Wohlgefühl, Humor. Wer sich innerlich wappnet, kann sich auf das Positive konzentrieren: den Weihnachtsbaum, die Musik, den Apéro oder einfach die Katze. Und Humor hilft bei Angriffen: «Ach, das hast du mir schon hundert Mal gesagt – gut, dass du es heute nochmal erwähnt hast. In meinem Alter hätte ich es bestimmt vergessen.»

Das Ziel: Mit innerer Ruhe und Humor an den Abend gehen statt von vergangenen Konflikten getrieben zu werden.

Ist es vielleicht auch sinnvoll, den Weihnachtsabend einmal ganz anders zu planen? An einem anderen Ort vielleicht oder in einer anderen Konstellation?

Traditionen verbinden und geben ein Gefühl von Heimat. Gleichzeitig sollte Weihnachten den Menschen als Ganzes ansprechen: seine Bedürfnisse, Gefühle und Grenzen. Wer einmal bewusst von alten Ritualen abweicht – vielleicht an einem anderen Ort oder in neuer Konstellation – kann die Feier entlasten und den Fokus auf Nähe und Freude lenken statt auf Pflichtgefühl und festgefahrene Muster.

Wie kann man sich emotional vorbereiten, wenn ungelöste Beziehungsthemen mit am Tisch sitzen?

Der Schlüssel liegt darin, sich selbst zu schützen und gleichzeitig Reibung zuzulassen. Wer innerlich vorbereitet ist, kann Konflikte erkennen, ohne sofort zu eskalieren.

Welche Beziehungskonflikte zeigen sich in Ihrer Praxis rund um Weihnachten besonders häufig?

Weihnachten macht sichtbar, was noch ungelöst ist: Generationenkonflikte, Geschwisterrivalitäten oder alte Verletzungen treten besonders deutlich hervor. Mein Rat: Belastungen bewusst angehen. Sei es mit sich selbst im Coaching oder im Gespräch mit den Konfliktparteien in einer Mediation. Ungeklärte Konflikte belasten nicht nur die Feiertage, sie machen uns langfristig krank.

Für viele hat Weihnachten nicht mehr primär die religiöse Bedeutung, die dahintersteckt. Warum halten wir trotzdem an diesem Ritual fest?

Weihnachten ist sowohl ein religiöses Fest als auch ein emotionales Ritual. Es bringt Familien zusammen, schafft Gemeinschaft und vermittelt ein Gefühl von Heimat. Selbst wenn die spirituelle Bedeutung schwindet, bleibt eine zentrale Funktion bestehen: Es lädt uns ein, Nähe zu leben, Beziehungen bewusst zu gestalten und Gefühle sichtbar werden zu lassen – ob freudig oder herausfordernd.

Wie sieht für Sie ein gelungenes Weihnachtsfest aus?

Ein gelungenes Weihnachten ist nicht konfliktfrei, sondern ehrlich und bewusst. Es bedeutet, Nähe zuzulassen, Humor zu bewahren und eigene Grenzen zu achten. Ein Weihnachtsabend, an dem man sich gesehen, respektiert und verbunden fühlt – trotz kleineren Holpersteinen – ist ein Erfolg.

Zur Person

Daniela Suter ist ausgebildete Konditorin, Erwachsenenbildnerin, Sozialarbeiterin FH und hat einen Master in Familienmediation. Seit 15 Jahren führt sie eine Praxis für Paar- und Einzelberatung, Coaching, Gesundheitsförderung und Mediation. Sie befindet sich an der Lämmlisbrunnstrasse 55 in St. Gallen. Weitere Infos: paarberatung.sg

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