Für Peter Eggenberger ist der Appenzeller Witz auch ein Spiegel der früheren Gesellschaft. Foto: zVg
Am Freitagabend liest Peter Eggenberger aus Walzenhausen in der Hechtremise aus seinem neuen Buch «Der Appenzeller Witz – eine vergnügliche Spurensuche». Die TP hat mit ihm telefoniert und nach einem guten Witz gefragt.Herr Eggenberger, kommen Sie noch in Verlegenheit, wenn Sie in einer gemütlichen Runde nach einem Witz gefragt werden?
Nein, meistens habe ich einen parat. Wollen Sie einen hören?
Selbstverständlich.
Ein reicher deutscher Geschäftsmann will im Kurhaus Bad im Walzenhausen übernachten. Die Preise sind ihm aber etwas zu hoch. Also lässt er sich die Zimmer im Gasthaus Bahnhof nebenan zeigen. Nach dem Rundgang fragt er die Gastgeberin von oben herab: «Und? Was kosten denn nun die Zimmer in diesem Saustall?» Diese antwortet schlagfertig: «Zwanzig Franken – pro Zimmer und Sau.»
Eine gute Retourkutsche. Ich glaube, den habe ich Sie schon einmal erzählen gehört. Ist das ein typischer Appenzeller Witz?
Ich finde ja. Es zeichnet das klassische «David gegen Goliath»-Bild. Ein immer wiederkehrendes Schema im Appenzeller Witz. Die eher arme Landbevölkerung wehrt sich mit Klugheit und Schlagfertigkeit gegen die reichen Besucher – oder gegen die Obrigkeit.
Die Obrigkeit?
Das sind die bessergestellten Teile der Bevölkerung: Politiker, Lehrer, Pfarrer, Posthalter, Händler und, und, und. Auch deshalb gerät der klassische Appenzeller Witz mehr und mehr in Vergessenheit: Ihm fehlt die Projektionsfläche.
Es gibt keine Obrigkeit mehr?
Zumindest nicht mehr wie früher. Früher waren Gemeindepräsident, Pfarrer, Posthalter und so weiter angesehene und etwas gefürchtete Personen. Man hat sie im Alltag entsprechend behandelt – aber natürlich auch Witze über sie gemacht. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach geändert. Wie in vielen Bereiche unserer Gesellschaft.
Und ist das gut oder schlecht?
Es ist sicher gut, dass sich die Hierarchien verflacht haben.
Warum?
Am Ende des Tages sind wir doch alle gleich. Wichtig scheint mir aber, dass ein gewisser Respekt gewahrt wird. Um es plakativ zu sagen: In einem Unternehmen mit «Du»-Kultur liegt es vermutlich näher, den Mitarbeitenden oder den Chef mal eine «Dumme Sau» zu nennen.
Gleichzeitig ging ein Teil des Prestiges verloren. Auch bei der Politik ist das spürbar: Die Ämter sind längst nicht mehr so begehrt wie früher.
Das ist sicher so. Gerade beim Gemeinderat ist das auffällig. Wer in diesem Gremium sass, war früher «Jemand» im Dorf. Irgendwann wurde er oder sie dann als Belohnung in den Kantonsrat gewählt. Heute kann eine Gemeinde froh sein, wenn sich genug Personen zur Wahl stellen.
Was bedeutet das für den Appenzeller Witz? Stirbt er aus? Oder verwandelt er sich?
Es wird ihn weiterhin geben. Aber in einer anderen Form. Die traditionelle «feine Klinge» wird wohl nach und nach verschwinden. Die heutigen Komödianten bedienen sich deshalb eher der klassischen «Schenkelklopfer» oder nutzen grenzwertigen, teils schlüpfrigen Humor. Alte Zitate wie «Der Appenzeller Witz ist keine Zote» verlieren da nach und nach ihre Bedeutung.
Ist Ihr Buch also eine Aufzeichnung der Vergangenheit?
Nicht nur. Darin beschäftige ich mich vor allem mit der Entwicklung des Appenzeller Witzes. Er entstand, als sich das Appenzellerland als Kurort etablierte und die reichen Herrschaften aus Österreich-Ungarn oder Böhmen immer häufiger hier ihre Ferien verbrachten. Einer davon war der deutsche Literat und Arzt Johann Gottfried Ebel, dem zwischen «Äscher» und «Wildkirchli» eine Gedenktafel gewidmet wurde. Er sagte über die Appenzeller: «Sie sind ein aufgewecktes Volk. Deutlich geistreicher als ihre Nachbarn.»
Waren wir das wirklich? Woher kam denn unsere Schlagfertigkeit?
Ich vermute, die Feriengäste haben die Appenzeller überzeichnet. Sie kennen das bestimmt von Ihren Ferien: Dort ist meistens alles schön, idyllisch, eine heile Welt. In den Ferien betrachten wir alles durch eine rosarote Brille. Das galt wohl auch für die Kurgäste im Appenzellerland.
Apropos Gäste: Die können auch zu viele werden. Innerrhoden kämpft bereits mit diesem Problem.
Das ist eine Herausforderung. Wie soll man den Tourismus kontrollieren? Ausserdem ist es irgendwie auch kontraintuitiv, sich sozusagen vor seinem eigenen Erfolg schützen zu müssen. Ausserrhoden hat dieses Problem noch nicht – hier müsste der Tourismus wieder mehr gefördert werden.
Vielleicht bräuchte es an der Grenze einen «Witz-Zoll»: Nur wer die Beamten zum Lachen bringt, darf weiterfahren …
Gute Idee! tiz