Eva Crottogini: «Musik hilft, Alltagsstress zu vergessen»

16.12.2012 | Erich Gmünder
Eva Crottogini
Eva Crottogini vor dem alten «Hecht». Foto: EG

 

Interview: Erich Gmünder

Wann ist der ideale Zeitpunkt, um ein Instrument zu erlernen?

Wenn das Feuer zu brennen beginnt. Den Start sollte man nicht künstlich hinauszögern oder gar den Blockflötenunterricht als Durchlauferhitzer missbrauchen – das wertet dieses wunderschöne Instrument ab. Kurz: ab Schuleintritt kann praktisch jedes Instrument erlernt werden. Einzig bei Blasinstrumenten muss allenfalls, je nach Zahnentwicklung, noch etwas abgewartet werden.

Nach oben gibt es übrigens keine Grenze. Ich hatte einmal einen Schüler, der mit 65 mit dem Cellospielen begann! Für Erwachsene haben wir 5-er und 10-er-Abos. Der Vorteil dabei ist, dass die Unterrichtszeit, je nach beruflichen Möglichkeiten, mit der jeweiligen Lehrkraft flexibel abgemacht werden kann. So ist es möglich, sich einen Kindheitstraum zu erfüllen oder dort anzuknüpfen, wo man vor Jahren aufgehört hat.

Welche Instrumente liegen derzeit im Trend?

Im Moment dürfen wir in fast allen Kursen einen Anstieg verzeichnen. Wir vermitteln das Basiskönnen und begleiten dann in die jeweils bevorzugte Stilrichtung wie Klassik, Jazz, Rock/Pop, Volks- und Blasmusik.

Stimmt es, dass Kinder, die musizieren, intelligenter sind und weniger Schwierigkeiten haben in der Schule?

Dazu gibt es eine wissenschaftliche Studie, die zeigt, dass der Unterschied bei 5 –7 IQ-Punkten liegt. Da müsste jedoch immer auch die Kausalität angeschaut werden. Doch sicher ist: es gibt keine vergleichbare Tätigkeit, bei der in Bruchteilen von Sekunden so viele Entscheide gefällt werden müssen wie beim Musizieren (auf / ab, laut / leise, hoch / tief, welche Lage, welche Saite, welcher Finger, Streckung / nicht Streckung etc. etc.).

Was löst Musik im Hirn aus?

Man kann vermutlich bei keiner anderen Tätigkeit oder Freizeitbeschäftigung so rasch und so vollkommen abschalten wie beim Musizieren. Da das Hirn auf sehr komplexe Art gefordert ist, hat man gar keine freie Kapazität, um über Ärger im Geschäft nachzudenken. Ganz zu schweigen von den Glückshormonen, die beim Musizieren ausgeschüttet werden!

Aber geschenkt wird einem nichts, man muss üben, üben, üben…

Ja, die Wahrheit ist hart, aber einfach: Nur wer übt, kommt weiter und nur dann «fägt’s». Neuste Untersuchungen zeigen, dass nicht das Genie den Unterschied macht, sondern wie viel Zeit man für das Üben aufwendet. Konkret: Entscheidend ist, wie viele Stunden man vor dem 18. Lebensjahr geübt hat.

Auch der kleine Mozart ist nicht als Genie vom Himmel gefallen. Sein Vater zwang ihn stundenlang zu üben, so dass Vater Leopold, der damals «beste Violinpädagoge Europas », nach heutigem Verständnis wegen Kindsmisshandlung verklagt worden wäre.

In der Abstimmungskampagne zur eidgenössischen Musikschule-Initiative wurde damit geworben, dass Kinder beim Musizieren in den Bereichen Durchhaltewillen, Auftreten, Sozialkompetenz und Offenheit gegenüber Neuem profitieren – können Sie das bestätigen?

Das liegt in der Natur der Sache. Gemeinsames Musizieren erfordert ein sensibles Aufeinandereingehen und -hören. Man weiss, dass Schulen mit verstärktem Musikunterricht weniger mit Streitereien auf dem Pausenplatz zu kämpfen haben. Doch Musik kann nicht alles: mittlerweile ist die These widerlegt, dass die Kühe mit Mozart mehr Milch geben. Dafür war in Glasgow an einer U-Bahnstation ein signifikanter Rückgang von Vandalismus zu verzeichnen, als aus den Lautsprechern Beethoven ertönte.

Kann sich denn eine durchschnittliche Familie überhaupt Musikunterricht leisten?

Unsere Preise sind zwar moderat, da erwies sich das Mittelland als vorauseilend gehorsam: die Preise wurden bereits vor der Abstimmung um 12 % gesenkt. Musikunterricht darf keine elitäre Angelegenheit sein. Alle Kinder sollen Zugang haben, unabhängig vom finanziellen Hintergrund der Eltern.

 

29 Lehrkräfte – 21 Instrumente

Eva Crottogini leitet seit bald 3 Jahren die Musikschule Appenzeller Mittelland. 29 Lehrkräfte arbeiten hier Teilzeit, total ca. 900%.

Eva Crottogini sagt von ihnen, dass sie alle hochmotiviert und kompetent seien. Sie war vor ihrer Leitungstätigkeit selber als Cellistin und Cellolehrerin tätig und weiss, welche positive Wirkung Musik entfaltet.

Insgesamt werden an der MSAM 21 Instrumente unterrichtet. Kann ein Instrument nicht hier angeboten werden, wird dem Schüler der Unterricht an einer anderen Schule zu den gleichen Bedingungen ermöglicht. EG

Eva Crottogini

Geboren: 25. Januar 1958

In Teufen seit: Februar 2010 (Arbeit)

Musizieren seit: Meinem 7. Lebensjahr

Instrument(e): Cello/Klavier

Musikstil, Favoriten: Alles, was mit Leidenschaft gespielt wird

Andere Hobbys: Lesen, Kochen, mit dem Flyer durch die Landschaft gondeln

Musikalischer Traum: Planung Jubiläum 30 Jahre MSAM im Jahr 2014

Top-Artikel

Top-Artikel

Anzeige

Anzeige

GU-Alpstein-Animation2024

Nächste Veranstaltungen

Sonntag, 21.07.2024

Gschichteziit

Donnerstag, 25.07.2024

Pro Juventute: Mütter- und Väterberatung

Aktuelles

×
× Event Bild

×
×

Durchsuchen Sie unsere 7299 Artikel

Wetterprognose Gemeinde Teufen

HEUTE

20.07.24 00:0020.07.24 01:0020.07.24 02:0020.07.24 03:0020.07.24 04:00
17°C16.7°C16.5°C16.5°C16.6°C
WettericonWettericonWettericonWettericonWettericon

MORGEN

21.07.24 05:0021.07.24 09:0021.07.24 12:0021.07.24 15:0021.07.24 20:00
17.9°C21°C21.4°C20.5°C16.6°C
WettericonWettericonWettericonWettericonWettericon