Ernstes und Kurioses vor 100 Jahren

10.04.2014 | Erika Preisig-Studach
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1. August 1914, Mobilmachung auf dem Zeughausplatz
1. August 1914, Mobilmachung auf dem Zeughausplatz
1. August 1914, Mobilmachung auf dem Zeughausplatz

Erika Preisig

Im Säntis vom 2. Januar 1914 wurde das vergangene Jahr, das wegen seiner ominösen Unglückszahl allen abergläubischen Seelen Angst und Schrecken eingeflösst habe, verabschiedet, in der Hoffnung, dass das nächste besser ausfallen werde. Diese Hoffnung wurde leider nicht erfüllt; am 28. Juni wurde der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo ermordet, und am 1. August brach der Erste Weltkrieg aus. Für die Schweiz bedeutete das Mobilmachung und Wahl von Oberstkorpskommandant Wille zum General.

100 Jahre elektrisches Kirchen-Geläut

Vor der Kirchgemeindeversammlung vom 5. Mai versuchte die Vorsteherschaft die Einführung eines elektrisch-mechanischen Läutwerks beliebt zu machen. Als erste im Kanton sollte Teufen diese Neuerung einführen, Kosten ca. 8500 Franken. «Bei uns sind schon zum Läuten der grossen Glocke zwei Mann nötig, soll das ganze Geläute in Funktion stehen, müssen 4–6 Knaben hinzugezogen werden.»
Am 24. April wollte ein «Gwundriger» wissen, wie hoch denn die Betriebskosten kämen. Er fügte hinzu: «Mit Dampf und Elektrizität wird heutzutage alles, was nur irgend wie geht, in Betrieb gesetzt, so dass wir verwöhnten Menschenkinder uns ja nicht mehr körperlich anstrengen müssen.»
Die Antwort, dass die Betriebskosten auf ca. 75 Franken jährlich zu stehen kämen, überzeugte offenbar, und der Antrag wurde an der Versammlung einstimmig gutgeheissen.

1914 6Lohn für den Gemeindehauptmann

Viel zu diskutieren gab der Antrag, dem Gemeindehauptmann künftig neben seinen Einkünften aus den Sporteln (einkassierte Gebühren Fr. 700.–) eine Jahresentschädigung von 1000 Franken auszurichten. Die Einsender, übrigens alle anonym, argumentierten etwa: «… im Gemeindehauptmannamt war es bisher verpönt, sich für gemeinnützige der Gemeinde geleistete Dienste, gleich einem Tagelöhner, mit einem Lohne in klingender Münze abfinden zu lassen.»
An der Urnenabstimmung vom 3. Mai wurde der Antrag mit 377 Ja- gegen 408 Neinstimmen abgelehnt und Gemeindehauptmann Tanner musste weiterhin von seiner Amtsehre leben.

1914 9Aus dem Vereinsleben

Am 1. März versammelten sich die Mitglieder der Dorfbibliothek in der Brauerei zur 71. Hauptversammlung. Der Verein zählte 43 Mitglieder und diese waren eifrige Leser, 1475 Bücher hatten sie 1913 ausgeliehen. Das Bibliothekenzimmer befand sich im Pfarrhaus und war sonntags von halb elf bis halb zwölf geöffnet.
Neben der Bibliothek existierte ein öffentlicher Lesesaal mit einem Lese- und einem Spielzimmer. Hier konnte man verweilen, Zeitschriften und Bücher lesen, Schreibmaterial stand zur Verfügung und sogar als neueste Errungenschaft ein Schachspiel.
2013 wurde der Lesesaal von 2510 Leuten besucht. «Es sind dies meistens Lehrlinge, Angestellte und Arbeiter, die keinen Familienanschluss haben, die dem Institut das Hauptkontingent liefern», heisst es im Jahresbericht.

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Mit Böllerschüssen wurde signalisiert, dass die Reise stattfindet.
Mit Böllerschüssen wurde signalisiert, dass die Reise stattfindet.

Unglücksfälle und Verbrechen

Überfallen wurde am 8. März eine Frau aus Mohren (Reute) in der Nähe vom Brucktobel. Durch Vorhalten des Fusses wurde dieselbe zum Fallen gebracht, worauf der Unhold versuchte, dem Opfer die Kleider vom Leibe zu reissen. Herbeieilende Fussgänger verscheuchten den Verbrecher.

Am 20. März ereignete sich am Eggle ein schrecklicher Unglücksfall, in dem ein dreijähriges Mädchen des Steinbrechers Doldo unter einen Wagen der Strassenbahn kam, wobei ihm beide Beinchen abgefahren wurden.

Diebe, welche letzte Woche in die Villa des Herrn Major Tobler einbrachen, haben folgende Gegenstände entwendet: Diamant-Collier ca. 12‘000 Fr., Damenring von 2500 Fr., eine goldene Damenuhr, eine goldene Herren-Schützenuhr, verschiedene Kleidungsstücke und 300 bis 400 Fr. in Noten. Herr Tobler setzt auf die Ergreifung des Täters oder für Angaben, die zur Zurückgabe führen, eine Prämie von 500 Fr. aus.

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Verloren

Verzweifelt wurde nicht selten per Inserat ein verloren gegangener Gegenstand gesucht – zum Beispiel: 1 Herrenuhr mit Kette, 1 goldene Brille, 1 Schürze, 1 Arbeiter-Taschenbuch, 1 schwarzer Gürtel, 1 Ehering, 1 Broche gold, 1 vierklingiges Messer, 1 Zwicker in rotem Etui …

Zeppelin über Teufen

«Nun haben wir ihn also auch bei uns droben gehabt, den so viel bewunderten Zeppelin. Am 31. März zog ein Zeppelin-Kreuzer der Luftschiffwerke in Friedrichshafen direkt über unser Dorf dem Säntis entgegen. Und ein selten schönes Schauspiel war es, als das Luftschiff bei Sonnenaufgang über dem Alpstein seine Evolutionen ausführte, sich hob und senkte, sich um seine eigene Achse drehte und das alles mit einer Ruhe, die einem ein unwillkürliches ‹Ah› entlockte.»

1914 10Mobilmachung, Samstag 1. August

Im Dorf herrschte eine tiefernste und gedrückte Stimmung, so der Säntis vom 4. August: «Am Freitagabend verkündeten rote Plakate, dass der Schweizer Bundesrat die Pikettstellung der gesamten Armee angeordnet habe. Am Samstag folgte dann der Generalmarsch. Trommler und Ausrufer durcheilten die Strassen und schon am selben Nachmittag mussten unsere Pferdebesitzer mit Ross und Wagen auf den Zeughausplatz, wo eine Musterung über die Dienstfähigkeit der Pferde entschied. Das Zeughaus hatte schon am Samstag starken Zuspruch, der eine holte sich die ganze Ausrüstung, andere vervollständigten die ihre. Unsere Schulhäuser wurden geräumt und überall wo Platz ist, werden Kantonnemente eingerichtet, um das am Dienstag einrückende Landwehrbataillon Nr. 161 unterzubringen. Heute Morgen sind unsere Wehrmänner vom Füsilierbataillon 83 und 84 und vom Schützenbataillon 7 eingerückt. Die Stimmung war eine gedrückte, überall ernstes Händedrücken und da und dort ein schmerzlicher Abschied von den lieben Angehörigen und zum Wagenfenster hinaus noch ein letztes stummes Winken. Dann waren sie fort.» Nach Kriegsbeginn im August wurde das gesellschaftliche und politische Leben im Dorf weitgehend eingestellt. Alle unterhaltenden Vereinsanlässe wurden sistiert.
Am 25. September teilte der Gemeinderat mit, dass dieses Jahr kein Warenmarkt stattfinden und auch die Aufstellung von Schaubuden nicht bewilligt werde.

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Was man damals zur Konfirmation geschenkt bekam
Ein reges Vereinsleben brachte Unterhaltung ins Dorf. Die Zerstreuungen endeten jäh beim Ausbruch  des 1. Weltkriegs am 1. August.
Ein reges Vereinsleben brachte Unterhaltung ins Dorf. Die Zerstreuungen endeten jäh beim Ausbruch des 1. Weltkriegs, am 1. August 1914.

Säntis. Volksblatt für den Kanton Appenzell und dessen Umgebung. (Amtliches Publikationsorgan der Gemeinde Teufen), 50. Jahrgang 1914.

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