Er sieht nie rot

15.10.2026 | Timo Züst

Es ist OLMA-Zeit. 11 Tage Ausnahmezustand in der Stadt St. Gallen – und auf dem Messegelände. Im vergangenen Jahr registrierte die «OLMA Messen St. Gallen AG» insgesamt 335'000 Besuchende. Im Idealfall werden es heuer noch mehr. In diesem Menschenmeer sind 10 Männer in einem roten Hemd unterwegs. Die Farbe identifiziert sie als Veranstaltungsbetreuer (früher: Hallenchefs). Sie sind im Pensionsalter. Trotzdem sind sie während der OLMA-Zeit regelmässig bis zu 12 Stunden im Einsatz. Einer von ihnen ist Bruno Schnider aus der Lustmühle. Und er hat vor, bis 75 dabei zu bleiben.

Die roten Hemden weisen sie als Ansprechpartner für jedes denkbare und undenkbare Problem aus: Bruno Schnider ist Veranstaltungsbetreuer an der OLMA – einer von 10. Fotos: tiz

Der Journalist kommt ein paar Minuten zu spät. Der erste OLMA-Bus war voll. Der zweite auch. Bruno Schnider nimmt es gelassen. Während seiner Arbeitstage hier ist das Unerwartete Programm. «Die Busse sind immer voll. Vor allem, wenn es regnet.» Er spaziert an der Eingangskontrolle vorbei, den Gast im Schlepptau, ein kurzes «Hallo» genügt, nach Tickets wird nicht gefragt. Man kennt ihn hier. «Das rote Hemdli hilft natürlich auch», sagt Schnider. Und fügt an: «Das tragen hier nur die Pensionierten.» Das sind die zehn Hallenchefs, die für die OLMA Messen St.Gallen AG während der grössten Messe des Jahres arbeiten. So hiessen sie zumindest, als Bruno Schnider hier im Mai 2023 anfing. Seither hat ihre Bezeichnung schon zweimal gewechselt – nun steht «Veranstaltungsbetreuer» auf dem Namensschild. «Die Arbeit ist aber immer noch die gleiche.»

Streng genommen hätte er vor dreieinhalb Jahren eigentlich noch gar nicht in rot arbeiten dürfen: zu jung. Bruno Schnider ist nämlich erst seit Dezember 2025 pensioniert. «Dank einer Empfehlung hat die OLMA für mich eine Ausnahme gemacht. Zum Glück.» Er hatte kurz davor seinen Job verloren – im Alter von 63 Jahren. Hier fand er eine Lösung als Zwischenverdienst für die letzten zwei Jahre. «Das war für mich in zweifacher Hinsicht sehr wertvoll: finanziell und persönlich.» Die Arbeit gefällt ihm auch jetzt noch so gut, dass er bis 75 weitermachen will. So lange darf man das rote Hemd tragen. Vorausgesetzt, die Gesundheit macht mit. «Bei bis zu 32’000 Schritten pro Tag ist das zwingend.»

Nachts bei den Tieren

An diesem Mittwoch ist Bruno Schnider für die Halle 3 zuständig. Grundsätzlich gilt: ein Veranstaltungsbetreuer pro Halle. Mit Ausnahme der Degustationshalle. Dort wird in drei Schichten gearbeitet. «Da bin ich dann am Freitag. Von 14 Uhr nachmittags bis 1 Uhr morgens.» Dass er während seiner 11 Einsatztage an der OLMA – inklusive Auf- und Abbau – die Hallen wechselt, ist eher unüblich. Er ist heuer «Springer». Den braucht es, um die Freitage der anderen neun Veranstaltungsbetreuer auszugleichen. «Weil ich alle Hallen kenne, fiel die Wahl halt auf mich.»

Dass sich Bruno Schnider auf dem Messegelände so gut auskennt, hat mit seiner Arbeit als Nachtwächter zu tun. «Ach, diesen Begriff mag ich nicht. Aber ja, das war eigentlich mein Job.» Während seiner ersten zwei Jahre hier war er insbesondere für Abendanlässe oder für die Tiere zuständig. Und zwar in allen Hallen. Bei diesen Einsätzen steht immer ein Thema im Vordergrund: die Sicherheit. «Bei den Tieren ist ein grosses Thema das Rauchen. Da bin ich besonders scharf. In der Nähe von Stroh wird nicht geraucht. Punkt.» Auch bei grösseren Festen kann es passieren, dass einmal der Rauchalarm ausgelöst wird – aus diversen Gründen. Ganz generell weiss Bruno Schnider nie, was ihn als Nächstes erwartet. «Was ich hier schon alles erlebt habe. Das ist teilweise wirklich verrückt.» Und egal, ob es um Randalierer, Verletzte, einen technischen Defekt, eine verklemmte Tür, ein verstopftes oder demoliertes WC geht: Der erste Anruf landet meistens bei dem Mann mit dem roten Hemd. «Meine Aufgabe ist es dann, die richtigen Fachleute aufzubieten. Security, Putzkräfte oder einen Handwerker.» Es gibt aber auch viele Probleme, die er selber lösen kann. Vor allem, wenn es um die Hallentechnik geht.

Heizungs-Tricks und erste Hilfe

Das Arbeitshandy klingelt. Bruno Schnider wirft seinem Gesprächspartner einen entschuldigenden Blick zu und geht ran. «Ah gut, ja. Stelle es gleich aus. Danke fürs Melden.» Er sitzt im Veranstaltungsbetreuer-Büro im 1. Stock der Halle 3. So eines gibt es in jeder Halle – auch wenn die Bedienung nirgends gleich funktioniert. Jetzt gerade geht es aber um die Aussenbeleuchtung. «Weil es heute Morgen so düster war, hatten wir die Lichter noch an. Inzwischen ist es hell genug.» Er loggt sich in das Leitsystem ein und schaltet die entsprechenden Scheinwerfer ab. Mit dieser Software kann er auch andere Sachen steuern – die Heizung zum Beispiel. «Die Zieltemperatur liegt so bei 21.7 bis 22 Grad. Die zu erwischen, ist eine ziemliche Kunst», sagt er. Und auch hier wieder: Jede Halle ist anders. Die aus Beton brauchen lange, bis sie warm sind. Dafür bleiben sie es dann auch länger. «Beim Holz ist es grad umgekehrt.» Und welches ist die angenehmste Halle? «Die SGKB Halle, die neuste. Da kann man alles über den PC steuern. Knöpfe wie bei den älteren Hallen gibt es da nicht mehr.»

«Es wäre nicht das erste Mal, dass ich selber erste Hilfe leisten muss …»

Die Arbeit als Veranstaltungsbetreuer lässt sich mit der eines Hauswarts vergleichen. Nur kümmern sich diese Hauswarte um deutlich grössere Häuser und um deutlich mehr «Mieter». Ganz zu schweigen von den über 300’000 Besuchern. «Man muss Menschen mögen. Und ein bisschen Ahnung von Technik haben.» Bruno Schnider hatte einst Landmaschinenmechaniker gelernt, bevor er in den Verkauf wechselte. Diese Erstausbildung kommt ihm noch heute zugute. «Aber man muss dranbleiben. Vor allem beim Thema IT und Sicherheit.» Über die OLMA kann er immer wieder an IT-, Feuerwehr- und Sanitätskursen teilnehmen. Dafür ist er dankbar. Wer weiss, was beim nächsten Anruf ansteht. «Es wäre nicht das erste Mal, dass ich selber erste Hilfe leisten muss …»

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