Er kann es auch im Altersheim nicht lassen

10.06.2012 | Erich Gmünder
Alfred Sigrist 21.6
Alfred Sigrist arbeitete bis zuletzt an der Aufbereitung seines enormen Erfahrungsschatzes. Foto: Erich Gmünder

Alfred Sigrist blickt auf 70 Jahre Tätigkeit als Naturheilpraktiker zurück – und arbeitet weiter.

Seine Bücher sind heimliche Bestseller geworden, und immer noch ist er daran, sein Wissen und seinen Erfahrungsschatz aufzubereiten. Alfred Sigrist, der «Nestor unter den Schweizer Naturärzten», wie ihn ein Kollege beschrieb, lebt heute im Altersheim Lindenhügel. Drei Wände voller Bücher, das Diplom als Drogist und wenige Möbel hat Alfred Sigrist in das lichte Giebelzimmer mitgenommen, und natürlich einige Karteikästen, Notizbücher – und die alte Hermes-Schreibmaschine. Vor kurzem hat er darauf das Manuskript für die dritte Auflage seines Buches «Appenzeller Kräuterapotheke» fertig getippt.

Es sei noch besser geworden, ist er überzeugt. Denn jetzt habe er ja endlich Zeit, zusätzliche Literatur zu studieren, an jedem Satz zu feilen und noch präziser zu schreiben. Nötig war es nicht: All die Jahre habe er nicht eine einzige Aussage korrigieren müssen – und seine Bücher stehen auch in manchen Arztpraxen.

Die meisten seiner Kartotheken und seinen ganzen Erfahrungsschatz inklusive allen Heilmitteln und Verfahren hat Alfred Sigrist 1998 seinem Nachfolger übergeben. Wie sie sich kennen lernten, ist eine eigene Geschichte. Roland Vontobel führte eine Drogerie in der Lachen. Als Sigrist eines Tages dort vorbeifuhr, habe er im Bus zwei Frauen belauscht, die davon schwärmten, dass dieser Drogist sehr gut beraten könne. Sigrist stieg an der nächsten Haltestelle aus und stattete seinem jungen Kollegen spontan einen Besuch ab. Dieser verriet, er wäre auch gerne Naturarzt – es sollte eine Schicksalsbegegnung werden.

Alfred Sigrist, damals 92, führte die Leserinnn und Leser im Juni 2011 durch den Steineggerwald anlässlich der Kräuterwanderung der Tüüfner Poscht 2011.

Die Bücher zeigen: Es ging ihm nie darum, einfach irgendwelche Mitteli abzugeben. Der grösste Heilerfolg sei immer dann eingetreten, wenn die Patienten sich selber beteiligt hätten, zum Beispiel die Ernährung umgestellt oder sich mehr bewegt hätten. Und genau so, wie er es anderen empfahl, lebte er selber. Nun, mit 92 hat er sich nach einem schweren Sturz wieder rasch erholt, ist schlank, agil, hat einen hellwachen Geist – und ist selber der lebende Beweis, dass seine Ratschläge alles andere als graue Theorie sind. Alfred Sigrist, Appenzeller Kräuterapotheke, 2. Auflage; Appenzeller Naturarztpraxis, 2001, Appenzeller Verlag.

Der Duft der Kräuter und der Geruch der Sorgen

Hanspeter Spörri, Neffe des Teufner Heilpraktikers Alfred Sigrist, erinnert sich an seine Jugendzeit in der Praxis «Tannenhof»

Der hölzerne Rollladenschreibtisch, jetzt mein Computertisch, gehörte einst meiner Grossmutter, der Naturärztin Karolina Sigrist-Schefer. Er stand im Nebenraum ihres Sprechzimmers in der Lortanne in Teufen und war für mich in ereignisreichen Kinderjahren je nach Bedarf Burg, Horchposten, Raumschiff, Höhle. Grossmutter und ihr Sohn, mein Onkel Alfred Sigrist, der später die Praxis übernahm, erörterten die Fälle der nebenan wartenden Patientinnen und Patienten.

Von Frühling bis Herbst sammelten wir an Wochenenden Blüten, Blätter, Samen oder Wurzeln. Die Wochenendausflüge in die Berge, an Gewässer, zu Waldlichtungen und Mooren hatten also immer einen Zweck – und ich hatte eine Aufgabe. Onkel Alfred kannte die Standorte, wusste, wo in ausreichender Menge was zu ernten war, ohne den Bestand zu gefährden. Im Estrich wurde das Sammelgut getrocknet, im Keller zu Tinkturen und Salben verarbeitet. Der herb-süssliche Duft durchzog das ganze Haus.

Hanspeter Spörri mit seinem Onkel Alfred Sigrist, anlässlich der Kräuterwanderung der Tüüfner Poscht am 18. Juni 2011. Fotos: Erich Gmünder

Ich analysierte auch den Geruch der Patientinnen und Patienten. Oft verriet er deren berufliche und soziale Herkunft und hing noch im Raum, wenn sie schon längst gegangen waren. Ich glaubte damals, auch die Sorgen der Leute riechen zu können. Nach manchem Patientengespräch war Grossmutter und Onkel die Bedrückung anzusehen. Denn zur Behandlung gehörte es auch, dass sie sich trotz immer vollem Wartezimmer Zeit nahmen für die Geschichten der Leute.

Kräuterwissen als Familienerbe

Das Kräuterwissen hatte meine Grossmutter von ihrer Mutter Katharina Schefer (1850–1928) übernommen und durch eigene Erfahrungen und Lektüre vertieft. Meine Urgrossmutter behandelte nebenbei Hoftiere und Menschen mit den alten Rezepten und hatte ihre Kenntnisse und Fähigkeiten anscheinend als etwas Selbstverständliches betrachtet, das zum bäuerlichen und familiären Alltag gehört.

Hanspeter Spörri

Gekürzte Version eines Textes aus «Obacht Kultur», dem Kulturmagazin des Kantons Appenzell Ausserrhoden (1/11).

ARCHIV

Alfred Sigrist 21.6.0211

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| 10. 06. 2012 |

 

Heilkräuterwanderung 2011

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