

Moderator Philipp Gemperle macht gleich zu Beginn des Abends klar: Bei diesem Podium handelt es sich nicht um eine Pro- und Contra-Diskussion. Die Veranstaltenden wollen eine klare Haltung zeigen. Und diese klare Haltung ist ein «Nein» zur Halbierungsinitiative. Eineinhalb Stunden stehen den Diskutierenden dafür zur Verfügung. Eingeladen wurden für diesen Abend Autor und Publizist Roger de Weck, stellvertretende Geschäftsführerin von «UseTheNews» Andrina Schmid und alt Landamman von Appenzell Ausserrhoden Hans Höhener. Alle drei wollen dem Publikum aus unterschiedlicher Perspektive aufzeigen, weshalb eine Schwächung der Medienlandschaft und folglich auch des Medienangebots zu verhindern ist. Dabei nehmen sie konkreten Bezug auf die möglichen Auswirkungen weiterer finanzieller Restriktionen für die SRG. Aber auch andere, allgemeinere Themen rund um Medienpolitik kommen zur Sprache.
Was der Journalismus braucht – und wovor er sich retten muss

Das Wort hat erstmal Publizist und Autor Roger de Weck. Der 72-jährige Freiburger war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», der «Zeit» und von 2011 bis 2017 Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG). Er kennt die Schweizer Presselandschaft und insbesondere auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bestens. Mit Verweis auf sein Buch «Das Prinzip Trotzdem: Warum wir den Journalismus vor den Medien retten müssen» erläutert Roger de Weck dem Publikum seine aktuelle Anamnese des Journalismus und der Medien – in der Schweiz, aber auch global gesehen. Finanzieller Druck, weniger Leserinnen und Leser, mehr boulevardeske Berichterstattung und kurzfristige Klickmaximierung führen laut Roger de Weck zu einer Abwärtsspirale in puncto Qualität der Medien. Journalistische Medien würden sich laufend stärker an Sozialen Medien orientieren und diese auch imitieren. Darunter leiden Faktenorientierung, Pressefreiheit und letztlich auch die Demokratie. Das zeige sich derzeit in den USA. Guter und ehrlicher Journalismus ist gemäss de Weck dazu da, Fakten aufzuzeigen und auch mal unangenehme Fragen zu stellen. Der weltweit zu beobachtende steigende Druck auf den freien Journalismus bereitet ihm Sorgen. Eine Annahme der Halbierungsinitiative würde diesen auch in der Schweiz weiter erhöhen.
Wie geht es der Appenzeller Medienlandschaft?
Eine Bestandesaufnahme des Ausserrhoder Medienangebotes fügt Hans Höhener, alt Landammann von Appenzell Ausserrhoden und Initiant und Verwaltungsrat von Appenzellerland Sport, an. Der einstige Redaktionsleiter des Appenzeller Tagblattes und Präsident der SRG Ostschweiz holt etwas aus, als er die Frage gestellt bekommt, wie es denn um «unser» Medienangebot stehe. «Ich bin nicht ganz zufrieden», beginnt er und führt dann aus, dass seit seiner Zeit als Redaktionsleiter beim Appenzeller Tagblatt (Anm. d. Red.: 1976 bis 1982) die Medienvielfalt im Kanton abgenommen hat. Er zählt noch bestehende Möglichkeiten auf, sich über das politische und gesellschaftliche Geschehen im Kanton zu informieren. Und resümiert: «Was in unserem Kanton so los ist, erfahre ich aus keiner Zeitung mehr wirklich.» Zwar gebe es kommunale Lösungen, aber kantonsübergreifend würde er sich mehr wünschen. Darin sieht er mit einen Grund, warum die Abonnentenzahlen konstant zurückgehen. Hoffnungslos ist Hans Höhener aber nicht. Er glaubt daran, dass ein gesellschaftliches Miteinander, in dem es auch Raum für andere Meinungen gibt, möglich ist. Voraussetzung dafür ist für ihn aber, dass ein genügend grosses Medienangebot besteht. Und auch, dass möglichst alle Teile der Bevölkerung Nachrichten konsumieren: «Ich bedauere, dass ’20 Minuten‘ nicht mehr gedruckt erscheint. Unsere Sportschülerinnen und -schüler kamen oft mit einem Exemplar bei uns an und erzählten, was sie gelesen haben.» Er hofft, dass sie digital weiterlesen. Fast alle Medienunternehmen fragen sich, wie sie Junge besser oder überhaupt erreichen können. Hier zeigen sich die Folgen der Digitalisierung besonders ausgeprägt.
Andere Formate für die Jugend
Expertin für die Erreichbarkeit von jungen Menschen ist Andrina Schmid. Sie ist stellvertretende Geschäftsführerin von «UseTheNews». Diese Allianz, dahinter stehen Keystone-SDA, die SRG und der Verlegerverband Schweizer Medien (VSM), möchte die Nachrichtenkompetenz der Schweiz fördern. Sie bieten eine Plattform für nicht-kommerzielle Angebote im Bereich Medienpädagogik und -bildung. Sie schmunzelt, als Philipp Gemperle von ihr wissen will, wie junge Menschen wieder zum Lesen motiviert werden können. Und sagt dann: «Ja, das ist die grosse Frage.» Sie vertritt die Meinung, dass es diesbezüglich Offenheit und auch etwas Experimentierfreude braucht. Medien sollen neue Formate wie beispielsweise Videos ausprobieren. Sie glaubt daran, dass auch Junge durchaus Interesse haben an Nachrichten. Wenn sie denn Zugang haben. Sie berichtet von einem Versuch in Norwegen, bei dem Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren kostenlosen Zugang zu News-Medien erhielten. Das Resultat: Junge interessieren sich durchaus für Journalismus und insbesondere auch für «hard news», also Nachrichten aus Wirtschaft und Politik. Medienförderung im Sinne einer Zugangserleichterung kann ein Mittel sein, um junge Leserinnen und Leser abzuholen. Roger de Weck erwähnt diesbezüglich zu Beginn des Abends auch Freiburg: Der Kanton schenkt Einwohnenden zum 18. Geburtstag für ein Jahr ein digitales Zeitungsabo.
Der Wert des Journalismus
Am Ende geht es immer wieder um eine Frage: Wie viel ist Journalismus wert? Wer bezahlt noch für ein Abonnement? Welche medienpolitischen Weichen werden gestellt? Roger de Weck argumentiert, dass jede andere Firma auch nicht von heute auf morgen mit der Hälfte des Budgets wirtschaften könnte. Und auf die Aussage von Philipp Gemperle, dass die SRG gemäss Initianten ihren Informationsauftrag auch mit 200 Franken erfüllen könne, antwortet er trocken: «Die haben keine Ahnung.» Den Wert des Journalismus wieder aufzeigen will auch Andrina Schmid mit «UseTheNews». Sie ist überzeugt davon, dass Junge sich nach wie vor für das Weltgeschehen interessieren. Auch wenn es dafür möglicherweise andere Formate und je länger desto mehr genügend Medienkompetenz braucht. Hans Höhener wünscht sich vor allem eines: Ein vielfältiges und inspirierendes Medienangebot, das die Demokratie sowohl im Grossen als auch im Kleinen bereichert und belebt. Dass eine solche Vielfalt auch etwas kostet, ist für ihn selbstverständlich. Das SRF bezeichnet er als «vorangehendes Newsmedium», das keinesfalls «flöten gehen dürfe». Auch Roger de Weck findet, dass eine Auseinandersetzung, ein der Demokratie würdiger Diskurs nur dann möglich ist und bleibt, wenn das Medienangebot ausreichend ist. Medienförderung kann ein Mittel sein, um ein solches auf unterschiedliche Weisen sicherzustellen. Hans Höhener schliesst das Gespräch deshalb auch mit folgendem Satz: «Eine lebendige, vielfältige Schweiz ist nicht gratis zu haben.»
