Ein 150-Jähriger – der Alte Bahnhof in Teufen

02.09.2012 | TPoscht online
Alter Bahnhof (1)
Das Haus Alter Bahnhof wurde in den Jahren 1861/62 erstellt und zunächst während 20 Jahren als Hotel betrieben. Vorher stand hier der Schwarze Bären.

Von Thomas Fuchs

Die Westseite des Dorfplatzes begrenzte bis 1858 ein Gebäudekomplex, bestehend aus dem Gasthof zum Schwarzen Bären und einem grossen, wohl jüngeren Haus. Nach deren Abbruch wurde das heutige Gebäude Alter Bahnhof erstellt, das zunächst ein Hotel war. 1886 ging es in den Besitz der Gemeinde über und diente seither unter anderem als Bahnhof, Post- und Telegrafenamt, Kantonales Oberforstamt, Kantonalbankfiliale, Grubenmann-Museum und Gemeindebibliothek.

Vorgängerbau: Der Schwarze Bären

Die Westseite des Dorfplatzes auf einer Lithographie um 1830. In der Bildmitte mit dem geschweiften Giebel der Gasthof zum Schwarze Bären, rechts daran angebaut das Nebengebäude, an dessen Stelle später das Haus Alter Bahnhof errichtet wurde. (Ortsgeschichtliche Sammlung Teufen, zurzeit im Grubenmann-Museum ausgestellt)

Der mächtige Gebäudekomplex des Schwarzen Bären schloss den Dorfplatz gegen Westen ab und liess der aus St.Gallen kommenden Landstrasse nur einen schmalen Durchlass auf der hangabwärts liegenden Seite. Der viergeschossige Gasthof unter einem Mansard-Walmdach mit spätbarock geschweiftem Quergiebel umfasste auch eine Bäckerei. Er bildete zusammen mit der Sonne (1836 Abbruch zugunsten Neubau von Gemeindehaus und Schulhaus) und dem Hecht (Hechtstrasse 2) ein Dreieck von repräsentativen Gasthöfen rund um den Dorfplatz.

Angebaut an den Schwarzen Bären war auf Bergseite ein lang gezogenes, wohl jüngeres Haus, das neben einem grossen Festsaal und Kellerräumen für den Bären auch Wohnungen umfasste. An der Stelle dieses Gebäudes entstand dann der Alte Bahnhof.

Bärenwirt war ab 1780 Johann Jakob Waldburger-Oertli (1754 –1831). Er übte von 1803 bis 1826 auch das Amt eines Gemeinderates aus. 1827 übergab er den Gasthof an seinen an der Lortanne aufgewachsenen Schwiegersohn Matthias Oertli (1792 –1852). Dieser hatte sich 1816 mit Anna Elisabeth Waldburger (1782 –1839) verheiratet.

Das neue Eigentümerpaar scheint sofort einige Umbauten vorgenommen zu haben. Diesen Schluss legt jedenfalls eine neu eingebaute Feuerwand nahe, die später den Weg in ein Haus an der Zeughausstrasse fand. Sie trägt die Jahreszahl 1828, die Initialen «MT Ö» und das Familienwappen von Matthias Oertli sowie einen Wappenschild mit einem aufrecht stehenden Bären, der einen Bierhumpen in den Pranken hält.

Bemerkenswert ist der Humpen, denn Bier war damals im Appenzellerland noch kaum bekannt. Eine erste Brauerei war 1810 in Appenzell entstanden, von 1824 bis 1826 war in Urnäsch Bier hergestellt worden, und 1829 hatte das Kurhaus Weissbad mit dem Ausschank eines eigenen Gerstensaftes begonnen. Ab den 1830er Jahren brauten dann in Heiden zwei Gasthäuser ihr eigenes Bier. War Oertli ebenfalls ein Pionier in diesem Metier?

Nach dem Tod von Anna Elisabeth Waldburger verheiratete sich Matthias Oertli 1841 ein zweites Mal mit Elisabetha Bachmann (geb. 1808) geschiedene Giezendanner, die ihre drei Kinder aus erster Ehe mit nach Teufen brachte. 1846 musste er wegen gesundheitlicher Probleme den Betrieb aufgeben.

Der Schwarze Bären scheint danach bis zum Abbruch im Jahr 1858 als Wohn- und Gewerbehaus genutzt worden zu sein. Gasthof und Wirtschaft war er nicht mehr.

Öffnung des Dorfplatzes gegen Westen

Nachdem in der zweiten Hälfte der 1830er- Jahre die Nordostseite des Dorfplatzes verkehrstechnisch saniert und mit zwei Neubauten (Gemeindehaus und Schulhaus) bebaut worden war, geschah dies 1858/59 auch auf der Westseite.

Den Anlass dazu gab die Erstellung der sogenannten Mittellandstrasse von Schönengrund über Hundwil und Teufen nach Heiden. Vom Sternen bis zum Teufner Dorfplatz wurde die Hauptstrasse auf dem heutigen Trassee komplett neu angelegt.

Der Gebäudekomplex des Schwarzen Bären wurde abgebrochen. Das nicht für die neue Strasse benötigte Restgrundstück, in etwa das Gelände, auf dem zuvor das grosse Nebengebäude des Bären gestanden hatte, wurde im Dezember 1858 von Alt-Ratsherr Johann Jakob Zürcher-Rohner (1815 –1885) erworben.

Er musste sich verpflichten, die Parzelle umgehend zu überbauen und die vorgegebenen Baulinien einzuhalten. Visierstangen für zwei Häuser hatten noch die Verkäufer aufgestellt. Die neuen Gebäude mussten mindestens drei Stockwerke hoch und mit Ziegeln oder Schiefer bedeckt werden.

Der Käufer durfte sie allerdings auch «unter ein Dach» nehmen, also ein Doppelhaus erstellen. Vorgeschrieben war von der Gemeinde zudem eine Gestaltung im «neuen Baustyl» (= Klassizismus).

Hôtel des Alpes

Das neue Doppelhaus wurde in den Jahren 1861/62 erstellt. Es setzt mit seiner neun Achsen breiten, symmetrischen Fassade den vorgeschriebenen Klassizismus mustergültig um und passt sich mit seinem sechseckigen Grundriss auch vorbildlich in die Topografie ein.

Erbaut wurde es als Hotel. Es umfasste 35 Zimmer, von denen sieben heizbar waren, zwei schöne Salons mit Balkon, zwei Küchen, drei Getränkekeller, eine Remise mit Stallung für zehn Pferde und einen eigenen Brunnen. Johann Jakob Zürcher-Rohner, der Bauherr und Eigentümer des neuen «Hôtel des Alpes», hatte von 1841 bis 1860 in der Nähe des Schwarzen Bären ein Botengeschäft (regelmässiger Cammionage- und Briefpostdienst mit Pferdefuhrwerk nach St.Gallen) und ein Wirtshaus betrieben. Während der Strassenbauarbeiten war er an den Sonnenberg umgezogen.

Zur neuen Grossinvestition ermuntert haben dürfte ihn der Umstand, dass Teufen immer mehr zu einem Ziel für Touristen wurde. Die ersten Kurgäste, eine sechsköpfige Herrnhuter-Familie, sollen 1848 nach Teufen gekommen sein. Ihnen folgten bald andere.

Nicht selten soll es vorgekommen sein, dass Kurgäste, denen die rauere Luft anderswo nicht zugesagt hatte, in Teufen Heilung suchten. 1869 erhielt Zürcher die Bewilligung zur Anlegung eines «Gärtchens mit Zierständern und Schattenplätzchen» längs der Strasse vor dem Gasthof. Im Gegenzug erhielt die Gemeinde die Erlaubnis, während des Oktobermarktes die Stände bis auf 14 Fuss an den Laternenpfahl vor dem Hotel zu stellen.

Inserat für das «Hôtel des Alpes», 1881. (Ortsgeschichtliche Sammlung Teufen)

Zumindest zeitweise waren offenbar auch noch kleinere Geschäfte im Hotelbau eingemietet. So eröffnete 1873 Johann Ulrich Oertle ein Lokal für «Rasieren, Haarschneiden, Aderlassen etc.», und 1878 bot Buchbinder Gerschwiler neben seinen Schreibbüchern auch Kinderspielzeug, Leder- und Galanteriewaren an. Nachhaltiger Erfolg für den Gasthof zu den Alpen scheint sich nicht eingestellt zu haben. Zürcher musste im Spätsommer 1882 den Konkurs anmelden und sein Hotel wurde öffentlich versteigert.

Bahnhof und Postamt

Neue Eigentümerin von Zürchers Hotel wurde eine Gesellschaft um die Brüder Arnold Roth (1839 –1904), schweizerischer Gesandter in Berlin, und Otto Roth (1853– 1927), Arzt in Teufen und später Professor an der ETH Zürich, sowie dem Stickereiunternehmer Johannes Tobler (1838–1915). Die Gesellschaft verfolgte seit zehn Jahren das Projekt einer Eisenbahnverbindung zwischen den Gemeinden im Appenzeller Mittelland und der Stadt St.Gallen.

Im ehemaligen «Hôtel des Alpes» wollte sie den Bahnhof Teufen einrichten. Im April 1886 übernahm dann die Gemeinde das ehemalige Hotel. Sie wollte es nicht nur der nunmehr konzessionierten Appenzeller Strassenbahn als Bahnhof zur Verfügung stellen, sondern auch das Postamt darin unterbringen. Dieses befand sich seit 1866 im Haus des Posthalters am Unterrain.

Das neue Post- und Telegrafenamt eröffnete bereits am 25. Mai 1889 am neuen Ort. Es befand sich im linken Teil des vormaligen Hotelgebäudes. Das Personal bestand aus dem Posthalter und drei Briefträgern. Grosskunden konnten neu eines von zwölf Postfächern mieten.

Zugseinfahrt im Bahnhof Teufen Richtung Gais. Ansichtskarte, Verlag J. Rechsteiner, Teufen, gestempelt am 24. März 1906. Der Bahnhof befand sich im rechten Hausteil, gut erkennbar an der Anschrift „TEUFEN“ und an der Bahnhofsuhr. (Ortsgeschichtliche Sammlung Teufen)

Der Bahnhof ging am 1. November 1889 in Betrieb. Er befand sich im rechten Teil des Hauses. Im Parterre hatte die Gemeinde auf eigene Kosten das Stationsbüro und den Wartsaal eingerichtet, im 1. Stock Büroräume für die Betriebsdirektion der Appenzeller Strassenbahn (ASt). Die ASt hatte dafür jährlich 1500 Franken Miete zu entrichten. Im 2. Stock richtete sich das kantonale Oberforstamt ein.

Der neue Bahnhof befand sich zwar zentral mitten im Dorf, die Verhältnisse waren aber stark eingeengt. Das Niveau der Bahnhofanlage musste von St.Gallen her über eine kurze Steilrampe mit 90 Promille Steigung mittels Zahnstange angefahren werden (heutiges Trottoir), was jedesmal ein Abbremsen auf 5 km/h erforderte.

Ein rationeller Güterumschlag war zudem fast nicht möglich. Deshalb erfolgte schon im folgenden Jahr der Bau eines Güterumschlagsgeleises auf der Wiese von Minister Arnold Roth. Dieses wurde dann von 1907 bis 1909 zum heutigen Bahnhof erweitert (vgl. dazu TP 3/2009). Er war bis 1979 ebenfalls mit dem Postamt kombiniert.

Alter Bahnhof

Seit dem 1. Mai 1909 ist unser Gebäude also der Alte Bahnhof. Es erlebte seither vielfältige Nutzungen. Das kantonale Oberforstamt blieb bis 1997 eingemietet. Seine Zimmer übernahm das regionale Betreibungsamt. In den ehemaligen Stationsräumen unterhielt bis 1963 die Appenzell A.Rh. Kantonalbank ihre Teufner Filiale. In diesem Hausteil befanden sich eine Zeit lang zudem die Garage für den Krankenwagen und das Krankenmobilien- Magazin und in den 1960er Jahren ein Coiffeurgeschäft.

Das alte Postlokal im Westteil nutzte bis 1969 das Geschäft «A. Waldburger, Tabakwaren, Souvenirs und Antiquitäten ». Darüber befinden sich bis heute Wohnungen. In den Jahren 1978/79 liess die Gemeinde das gesamte Erdgeschoss als neue Gemeindebibliothek und Grubenmann-Museum umbauen. Letzteres ist diesen Frühling wieder ausgezogen.

Im ersten Stock des Ostteils befinden sich seit 2000 zudem Büros der Gemeindeverwaltung.

Eine markante Veränderung erfuhr 1925 die Fassade, nachdem ein Brand, bei dem der Oberförster und seine Frau ums Leben kamen, weite Teile des Obergeschosses und des Dachstocks zerstört hatte. Der abgebrannte klassizistische Quergiebel wurde nach den Plänen von Architekt Anton Aberle-Seeger (1876 –1953) aus St.Gallen durch einen «etwas gefälligeren» im Stil von Fabrikantenvillen des späteren 18. Jahrhunderts ersetzt.

Eine markante Veränderung erfuhr 1925 die Fassade, nachdem ein Brand weite Teile des Obergeschosses und des Dachstocks zerstört hatte. (Ortsgeschichtliche Sammlung Teufen)
Zugsausfahrt Richtung St.Gallen. Auf der Hauptstrasse eine Kompanie mit einer im Teufner Zeughaus stationierten Artilleriekanone. Ansichtskarte (Ausschnitt), Verlag H. Guggenheim & Co., Zürich, um 1905. (Sammlung Werner Holderegger, Teufen)

7/2012

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