«Die Ukrainer sind stolze Menschen»

04.06.2022 | Timo Züst
Stefan Staub,  Diakon Katholische Pfarrei Teufen Buehler Stein
Diakon Stefan Staub.
Diakon Stefan Staub war Initiant und Mitorganisator der Rettungsaktion. Foto: zVg Vor bald drei Monaten kamen die zwei Cars mit den ukrainischen Flüchtlingen hier in Teufen an. Inzwischen sind einige von ihnen bereits weitergereist – oder gar in die Ukraine zurückgekehrt. Diakon Stefan Staub von der Katholischen Kirchgemein Teufen Bühler Stein gibt einen Überblick zur aktuellen Situation – hier und im Osten. Herr Staub, wie viele der ukrainischen Flüchtlinge sind heute noch in Teufen bzw. Umgebung? Das ändert sich wöchentlich. Zurzeit sind es rund 75 Personen Das sind deutlich weniger als rund drei Monaten hier ankamen: Wohin gingen sie? Ein gutes Dutzend ist in die USA weitergereist, nach dem die dortige Regierung eine vereinfachte Niederlassung für 100’000 UkrainerInnen ermöglicht hat. Viele von denen, die bereits Angehörige in den USA hatten, haben die Chance genutzt und sind weitergezogen. Andere sind wieder zurück in die Ukraine gereist oder sind im Begriff zurückzukehren. Natürlich in der Hoffnung, dass der weitere Kriegsverlauf an ihnen vorbeizieht Es gibt also bereits Rückkehrer? Ist das denn sicher? Je nachdem, wo die Menschen herkommen … In Kiew und den Gebieten westlich der Hauptstadt geht das Leben seinen mehr oder weniger gewohnten Lauf – auch wenn die Stimmung sehr angespannt und fragil ist. Wer aber aus dem Osten kommt, aus Charkiw, Cherson oder Mariupol hat keine Chance zurückzukehren. Das wird sich nicht ändern, solange die Gebiete okkupiert bleiben. Sie würden Gefahr laufen, nach Russland umgesiedelt zu werden. In gut einem Monat beginnen die Sommerferien. Für einige Gastfamilien war das eine Art Zeit-Limite. Finden bereits Umplatzierungen statt? Die Tatsache, dass Sommerferien anstehen, bewegt die Menschen nicht, ihre Gäste loszuwerden. Es sind andere Gründe. Ein Beispiel wäre jemand, der ohnehin aus Teufen wegzieht und seine Gäste am neuen Ort aus Platzgründen nicht beherbergen kann. Bei anderen wird stets gegenseitig das Bedürfnis an, wieder etwas mehr Platz zu haben. Schliesslich sind bereits rund drei Monate ins Land gezogen. Wir haben aber für alle gute Lösungen finden können. Niemand steht auf der Strasse. Ja – und es gibt sogar solche, die die ukrainischen Schutzsuchenden mit in die Ferien nehmen… Wenn ukrainische Familien in eigene Wohnungen ziehen: Bezahlt das dann der Kanton? Für diesen Fall ist ein klares Regulativ vorhanden. Die Sozialämter suchen Wohnmöglichkeiten für alle, die nicht im Arbeitsprozess drin sind. Wer aber arbeitet und Lohnzahlungen erhält, hat keinen Anspruch mehr auf Sozialhilfe und wird den Mietzins für die Wohnung selbst berappen. Das gilt auch für Krankenkasse, Nahrungsmitteln und Versicherungen. Auch das gibt es bereits bei uns. Tendenz zunehmend! Apropos Geld: Klappt das mit den Entschädigungen der Gastfamilien eigentlich? Ja, das funktioniert gut. Auch in dieser Angelegenheit ist das Prozedere genau definiert. Die Gastfamilien erhalten rückwirkend auf den Zeitpunkt, als die Gäste den Schutzstatus «S» erhalten haben, die ihnen zusehende Beträge. Und gleich nochmal Geld: Auf was für Kosten der Aktion bleiben die Kirchgemeinden voraussichtlich sitzen? Bis jetzt stehen keine enormen Mehrkosten an. Wir konnten vieles durch Spenden decken. Zudem haben wir in den Gottesdiensten Kollekten erhalten und die Kirchgemeinden unterhalten allermeistes eine Kasse für sozial-diakonische Aufgaben, die durch die Kirchensteuern genährt werden. Auch am WEF war die Ukraine-Krieg ein grosses Thema. Nun wird auch darüber diskutiert, die Ukraine solle mit Russland einen Kompromiss um Boden eingehen, um den Krieg zu beenden. Ist das bei den Flüchtlingen ein Thema? Ich habe nur mit wenigen darüber gesprochen. Die Meinungen gehen auseinander – je nach dem, woher die Menschen kommen. Wir müssen verstehen; die Ukraine ist über zehnmal grösser als die Schweiz. Wer im Westen zuhause ist, kennt den Donbass kaum. Für sie ist eine Gebietsabtretung als Preis für den Frieden vertretbar. Wer aber selbst aus dem Donbass kommt, sieht das anders … Ganz allgemein: Wie hoffnungsvoll sind die Ukrainer und Sie selber, wenn es um die Zukunft der Ukraine geht? Alle glauben an die Zukunft ihres Landes. Das zeigt sich auch im Drang, möglichst bald wieder in die eigene Heimat zurückzukehren. Die Ukrainer sind stolze Menschen und wissen, dass sie durch diesen Krieg gewachsen sind, auch wenn der Preis hoch, zu hoch, ist. Die Anerkennung der freien Welt für ihren Durchhaltewillen und ihren Mut ist ihnen gewiss. Die Menschen in der Ukraine gehen zurzeit durch die Hölle – aber sie geniessen eine enorme Solidarität Das ist eine besondere Zeit: vergangene Woche war Auffahrt, nun Pfingsten. Spielen diese Feiertage auch für die Flüchtlinge eine Rolle? Wie werden sie gefeiert? Für glaubende Menschen sind diese Feiertage sehr wichtig. Der Glaube an Gott ist ihr «Vitamin», das sie hoffen lässt. Und hier spielt Pfingsten eine besondere Rolle. Für 40 Tage haben sich die Jünger Jesu vor Angst eingeschlossen, bis zum Pfingsttag. Denn an diesem Tag haben sie begonnen, wieder an sich zu glauben. Sie wussten: Auch in die dunkelste Sackgasse kann Gott sein Licht werfen. Pfingsten ist dann, wenn das Klima nach Aufbruch in der Luft liegt. Was damals bei den biblischen Jesusjünger spürbar war, ist es heute bei unseren ukrainischen Freunden: Aufbruch aus der Ohnmacht des Krieges in eine neue Zukunft – trotz aller Unsicherheit. Das kann kein Psychologe vermitteln, sondern nur der Glaube an einen Gott, der mit ihnen aufbricht.  tiz

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