Der Erzengel, der nicht singen darf

25.12.2020 | TPoscht online
WG1

Verfasst von Diakon Stefan Staub

In den himmlischen Abteilungen laufen die Weihnachtsvorbereitungen auf Hochtouren. Es ist der Tag der grossen Entscheidungen. Heute stellt sich heraus, wer den Jubelgesang zum diesjährigen Weihnachtsfest anstimmen und das Weihnachtsgloria singen darf. An diesem besagten Tag sollte aber alles anders kommen. Ja – in all den 2000 Jahren himmlischer Weihnachtstradition ist so etwas noch gar nie vorgekommen. Doch ganz von vorne: Es ist der Tag, an dem die kleine Schweiz, im Herzen Europas, verlauten liess, dass an Weihnachten kein «Gloria in Excelis deo» ertönen soll und auch keine anderen himmlischen Gesänge. Denn das kleine Virus, das sein Unwesen seit längerem treibt, liebe so sehr das Singen, dass es mit den Tönen, die aus den menschlichen Kehlen die Welt beglücken ebenso durch die Luft springe und regelrechte Freudentänze aufführe. Doch des Virus Freude wird anscheinend des Menschen Unglück. Denn ungefragt lässt er sich gleichzeitig bei allen nieder, die gerade in der Nähe stehen. Deshalb soll heuer der Weihnachtsjubel auf Befehl der Regierungen ausfallen. Punkt.

Als die Hiobsbotschaft den Erzengel Gabriel erreicht, war er gerade auf Inspektion in der Nachwuchsgruppe «Engelgold». Auf die erste Schockstarre folgte der himmlisch erlaubte Fluch: «Himmel-Herrgott-Sakrament». Kein Singen bedeutet letztlich für den Chef-Erzengel eine weihnachtliche Kapitulation. Ohne Jubelgesang fällt Weihnachten aus! MUSS es, wenn es nach ihm geht. Unweigerlich! Jetzt kann nur noch der Herrgott helfen. Gabriel stürmt durch die himmlischen Korridore. Er reisst Türen auf: Chef? Gott? Herrgott…? Ausser Atem findet er ihn endlich, als er gerade das vordere Stuhlbein seines göttlichen Thrones neu richtet. All die Jahrtausende göttlicher Regentschaft hinterlassen Spuren. «Herrgott, das kannst du nicht zulassen. Weihnachten ohne himmlisches Gloria ist definitiv kein Weihnachten. Die Welt schafft doch damit Weihnachten ab!?»

«Mein lieber Gabriel – nur weil wir nicht singen dürfen, soll Weihnachten ausfallen? Wenn das Fest der Hoffnung und des göttlichen Lichtes, meines Lichtes die Pest, die Spanische Grippe, den ersten und den zweiten Weltkrieg überlebt hat, dann wird doch auch der COVID Weihnachten nichts anhaben können»

«Aber, mein lieber Herrgott…» Gabriel wollte schon seinen Einwand äussern …

«Nein – Gabriel – Weihnachten darf doch nicht bloss von Stimmungen und Gefühlen abhängen. Es muss doch mehr dahinter sein, auch wenn die Stimmungen und Emotionen wichtig sind. Weisst du was? Ich beauftrage dich, selbst nachzusehen, wie die Menschen damit umgehen. Wer weiss, vielleicht hilft ihnen diese Krise, Weihnachten wahrzunehmen als das, was es wirklich ist: nicht allein als Fest der Freude, sondern als Fest der Hoffnung, dass ich da bin in ihrem Dunkel.»

Gabriel kann sich der göttlichen Anordnung nicht widersetzen. «Wie du meinst. Ich werde nachschauen und dir berichten. Mal sehen, wer von uns recht hat …»

Engel sind schnell reisefertig. So stösst er von Wolke 567’312 ab und fliegt Richtung Erde. Er durchquert die himmlisch-unendliche Dimension und fällt mit einem grossen Getöse in die Erdenwelt. Kurz darauf mit seinem Hintern auf das Steildach der Dorfkirche von Seldwyla. Rutsch hinunter und – plumps– mit einem sich schmerzlich anhörenden dumpfen Knall hockt er auf den kalten Wegsteinen. Noch auf wackeligen Beinen wagt er sich auf seine Erkundungstour.

Auf dem kleinen Platz vor der Dorfkirche hat sich eine Gruppe Kinder um Wachseimer versammelt und gestaltet eigene Kerzen. Eine wunderschöne Stimmung. Gabriel bemerkt eine junge, gepflegte Frau mit ihrem Kind. Vielleicht eine Geschäftsfrau? Sie taucht mit viel Aufmerksamkeit und Vorsicht ihre Kerze ins Wachsbad. Sie strahlt eine so untypische innere Ruhe aus, die Gabriel nicht loslässt. Engel können bekanntlich jede menschliche Gestalt annehmen und so wirft er sich in die Gestalt einer Frau Mitte 40:

«Entschuldigung, was macht ihr denn da?»

«Ja – sehen Sie das denn nicht? Wir gestalten Kerzen. Versuchen sie’s doch auch! Wissen Sie, diese ganze Krise hat mir gezeigt, wie sehr wir den falschen Idealen hinterherrennen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist traurig für alle, die daran erkrankt sind. Aber wir haben doch gelebt, als ob das Leben keine Grenzen kennt: Immer mehr, immer weiter, immer schneller. Jetzt wurden wir mal gewaltig ausgebremst. Irgendwann musste das mal kommen. Drum verschenke ich in diesem Jahr keine materiellen Dinge, sondern symbolische: ein Licht. Kerzen als Sinnbild für das, was den meisten fehlt: Orientierung, Sinnlichkeit, Ruhe, Hoffnung. Das ist doch das Prinzip von Weihnachten!» 

Gabriel ist berührt. Doch er muss weiter und verabschiedet sich. Auf der Strasse sind nur wenige Menschen unterwegs. Kein Wunder, denn viele Geschäfte sind zu oder haben Einlassbeschränkungen. Gabriel sieht durch die Masken hindurch in die Gesichter und bemerkt Frustration, Unzufriedenheit und gar Angst. Die Menschen gehen schnell aneinander vorüber.  Als Engel sieht er ihre tiefe Verunsicherung und die Sehnsucht nach Halt und Sicherheit. Er sieht auch Einsamkeit, Chaos, Sinnlosigkeit in ihren Leben. Er sieht den tiefen Wunsch nach Frieden und wie viele keinen Draht zu Weihnachten haben, weil sie selber den Bezug zu ihrer Seele verloren haben «Wenn ich denen nur helfen könnte …» Aber Gabriel kommt nicht an sie heran. Auch das ist Engelrealität.

Eine Autotüre öffnet sich vor ihm und zwei Menschen steigen aus. Sie gehen in einen Raum über dem ein abgegriffenes Schild steht: «Heilsarmee». Gabriel huscht nach. Am Tisch sitzen drei Frauen und ein Mann. Eine Kerze brennt. Jemand spricht Worte, die ihm bekannt sind. Ein Gebet, ein hoffnungsvolles Gebet. Er hört Gott, Licht und dass es Weihnachten werden soll – trotz diesen schweren Zeiten. Sie alle erzählen von anderen Menschenschicksalen. Es geht um Geld. Um Spenden. 500 Franken für eine Familie, in der der Vater, die Arbeit verloren hat. Er sei Kellner in einem renommierten Restaurant, das durch die Krise dichtmachen musste. 200 Franken für eine Alleinerziehende, damit sie ihrem Kind endlich richtige Winterschuhe kaufen kann. Und dann hört Gabriel von einer Frau aus Afrika, die von ihrem Ehemann geschieden wurde, weil er eine andere aus Thailand gefunden hat und nun rechnen muss, abgeschoben zu werden. Tragisch, wenn Menschen zur Ware werden, denkt sich Gabriel. Die Runde redet auch über die aktuelle Krise. Jemand sagt: «Alle kämpfen gegen das Virus. Eine Impfung muss sofort her, weil man das alte Leben wieder schnell zurückhaben will. Aber könnte es nicht sein, dass das Virus uns etwas sagen will? Dass wir unser Leben vielleicht mal hinterfragen sollten?» Noch lange wird diskutiert, gelacht, geschwiegen.

Gabriel ist zutiefst gerührt. Soviel unkomplizierte Hilfsbereitschaft, so tiefe Hoffnung, soviel Ehrlichkeit und Wärme hätte er nicht erwartet. Sein Jubelgesang, den er zwingend mit Weihnachten verbunden hat, wird ihm selber plötzlich nicht mehr so wichtig. «Weihnachten ist vielleicht doch mehr als das Gloria meines himmlischen Engelchores»

Bevor er selber aber zu nachdenklich wird, will er weiter. Er braucht doch noch irgendeinen Gegenbeweis, wenigstens einen, dass es ohne das Frohlocken und Jubilieren nicht Weihnachten werden kann. Gabriel macht sich auf in Richtung Stadt. Es ist bereits dunkel geworden, und wie überall sollten Elektrokerzen und –lichter Weihnachtsstimmung verbreiten. Am Stadtbahnhof sieht er die Gestalten, die in jeder Stadt anzutreffen sind. Die Menschen, die in zu grossen Mänteln, zu kleinen Kappen und vor allem frierend umherstehen. Er bemerkt das Rundzelt auf dem Bahnhofplatz, das mit grossen handgeschriebenen Lettern den Sinn erklärt: «Mobile Gassenküche». Gabriel geht hinein. «Mundschutz!», hört er es rufen.  Uiii… daran hat er nicht gedacht. Da kommt ein bärtiger Mann, etwas ungepflegt, aber mit leuchtenden Augen: «Komm mal rein, der ist ganz frisch – eben aus der Kathedrale mitlaufen lassen. Dem Bischof geklaut für einen guten Zweck» Er zwinkert mit dem linken Auge. Gabriel muss schmunzeln und zieht das Teil an. In der Gassenküche wird schon mächtig vorbereitet für ein kleines Weihnachtsfest. Lauter Freiwillige jeden Alters kochen, schmücken, tischen auf. Einer der Helfenden bietet Gabriel seine Bierflasche an; «Oder chasch en Zuug vo minerä Guugä ha, i ha sie grad baut. Aber segs niemertem.» Gabriel verzichtet dankend. Er hört, wie jemand sein MP3-Player aufdreht und dann hört er es: sein Gloria! Einige pfeifen mit oder summen. «Ist fast wie im Himmel», sagt jemand.

Aber gesungen werden, darf nicht. Und trotzdem: Für das wirkliche Weihnachten braucht es das Gloria nicht. Wichtiger ist doch das, was Gabriel eben erlebt hat: Die Solidarität, die kleinen Zeichen der Hoffnung, die zufälligen Begegnungen, wo er Menschen ehrlich erlebt hat. Da haben die Menschen selbst Engelsflügel bekommen – ohne sein Gloria. Ihm ist es, als wäre Weihnachten gerade eben neu geschrieben worden.

Gabriel verabschiedet sich von seinen Philosophien, denn er hat es «nootlig». Er möchte im Eilzugtempo nach Hause. Heim, um Gott zu berichten, dass Weihnachten nicht ausfällt. Auch wenn das himmlische Gloria spürbar fehlt: Weihnachten findet trotzdem statt. Vielleicht sogar ehrlicher denn je.

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