Auf der Pirsch mit Hans Zellweger

05.11.2012 | Erich Gmünder
haesi zellweger (9)

Über dem Rheintal liegt eine dicke Nebeldecke. Ein zartes Rosa über den gegenüberliegenden Vorarlberger Bergen kündigt einen goldenen Herbsttag an. Halb sieben Uhr morgens. Hans Zellweger hat Jagdgewehr, Rucksack geschultert, einen Feldstecher umgehängt, und stützt sich auf einen handgeschnitzten Stock.

Hier, am östlichen Abhang des Gäbris, finden Wildtiere ein wahres Refugium. Hirsche, Rehe, Füchse, Dachs und Marder geben sich regelmässig ein Stelldichein, und – für diese Breitengrade eher ungewohnt – sogar Gämsen, erzählt Hans Zellweger, während wir uns auf den Weg machen.

Unterwegs auf einem Waldweg. Da, plötzlich ein lauter Schrei. Ein paar Meter von uns entfernt taucht ein Reh auf und verschwindet im Unterholz. Hans Zellweger nimmt das Fernglas von den Augen. «Das war ein Rehbock. ’Schrecken’ nennt man diesen Ton.» Hans Zellweger registriert genau, was rundum passiert. Den Blick hat er meist in die Weite gerichtet, aber oft auch auf den Boden. Er weiss immer, wer wo unterwegs ist.

Da, ein tiefer Abdruck im lehmigen Untergrund. «Der stammt von einem Hirschstier. Und hier, diese kleinen Abdrucke sind von einem Eichhörnchen und einem Fuchs.» Zu sehen bekommen wir die Tiere – vorerst – nicht, dafür entdecken wir viele Pilze. Plötzlich stupst er mich in die Seite, flüstert: «Siehst du den?» Hoch oben auf einer Krete lugt ein grosses Tier zwischen den Tannen zu uns herunter. Der Hirsch? Schon packt «Häsi», wie ihn seine Freunde nennen, das Gewehr fester, guckt nochmals durch den Feldstecher – und lässt ihn enttäuscht sinken. «Ein alter Gamsbock.» Der muss keine Angst haben. «Da ich dieses Jahr schon ein weibliches Tier geschossen habe, ist mein Soll bei den Gämsen bereits erfüllt», gibt Häsi Entwarnung.

Jedes Jahr wird festgelegt, wie viele Tiere von welcher Gattung zum Abschuss frei gegeben werden. Die Vorgaben des Kantons orientieren sich an Zählungen, aber auch an Richtlinien des Bundes. Nicht mit allem geht Häsi einig. «Am meisten Mühe macht mir, dass wir Jungtiere erlegen müssen. Wer einmal erlebt hat, wie eine Rehgeiss ihr totes Kitz beklagt, dem bricht es schier das Herz». Das Jungtier muss aber zuerst erlegt werden, um zu verhindern, dass es ohne Mutter verkümmert oder verhungert.

Hans Zellweger hinterfragt aber nicht nur die Vorgaben von oben, sondern auch manche weidmännische Tradition. So steht er der sogenannten «lauten Jagd», der Treibjagd mit Hunden, skeptisch gegenüber. Die Verwendung von Schrot*) ist für ihn aus ethischen Gründen zweifelhaft. Oft könne gar nicht eruiert werden, ob ein flüchtendes Tier verletzt worden sei und es allenfalls elendiglich verenden müsse.

Auch sei das Fleisch aus solcher Jagd oft von minderer Qualität, infolge des Stresses, dem die Tiere ausgesetzt seien, und der Blutergüsse oder gar einer noch im Wildbret steckenden Schrotkugel. Häufig werde sogar noch Bleischrot verwendet. Das giftige Schwermetall ist im Fleisch nicht unbedenklich. Er glaube deshalb, dass diese Art von Jagd sich in Zukunft nicht behaupten könne.

Überhaupt: Lieber streift er alleine oder in einer kleinen Gruppe durch die Reviere. Hans Zellweger hat sich in all den Jahren ein reiches Wissen angeeignet. Sein Rat ist auch in der kantonalen Jagdkommission gefragt. Der Bauernsohn und gelernte Landwirt steht auch der Entwicklung in der intensiven Landwirtschaft kritisch gegenüber. Mit Sorge beobachtet er die Veränderungen, wie die Verarmung in der Pflanzen- und Tierwelt. Feldhasen sehe man heute kaum mehr. Dabei sind sie wichtige Indikatoren für eine intakte Umwelt.

Nach rund dreistündiger Pirsch kehren wir ohne Beute, aber zufrieden zum Ausgangspunkt zurück. Zeit für den Znüni. Im elterlichen Bauernhof hoch über Teufen hat sich Hans Zellweger im ehemaligen Stall eine Jagdstube eingerichtet. An den Wänden zeugen zahlreiche Trophäen von seiner langjährigen Jagdleidenschaft: Gams-, Reh- und Steinbockschädel sind da aufgereiht, aber auch ein ausgestopfter Kolkrabe und ein Mouffelinkopf (Wildschaf). Für die stattlichen Hirschgeweihe hatte es keinen Platz; sie wurden in die Scheune verbannt. Die Trophäensammlung ist mit vielen Geschichten verbunden: «Jede Trophäe erinnert mich an ein intensives Naturerlebnis.»

Stolz ist er, dass er die Naturverbundenheit auch seinen zwei Söhnen weitergeben konnte. Beide haben die Jagdprüfung absolviert und sind selber leidenschaftliche Jäger geworden.

*) Schrot: Wird bei der Treibjagd gebraucht, um fliehende Tiere zu schiessen. Garbe (Streuung) auf zehn Meter rund einen Meter und tötet durch die Schockwirkung. Eine Ladung umfasst 26 Schrotkugeln.

Hans Zellweger

Geboren: 16. November 1947 in Teufen

Heimatort: Gais

Familie: Zellweger-Freund Silvia, Thomas (1975), Gabi (1980), Markus (1981)

Erlernter Beruf: Landwirt

Heute tätig als: Schadeninspektor

Lieblingsessen: Rehrücken

Lieblingsgetränk: Kräftiger Rotwein

Musikvorlieben: Volksmusik

Buch auf dem Nachttisch: Wilderergeschichten aus dem Vorarlberg

 

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Auf der Pirsch

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Mit dem Tüüfner Chopf Hans Zellweger frühmorgens unterwegs

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