Applaus fürs Brauchtum

18.01.2024 | Timo Züst
Silvesterchlausen_Buch_Johannes_Schläpfer (4)
Johannes Schläpfer präsentiert sein neues Buch. Dabei liest er eher selten und erzählt stattdessen aus dem «Nähkästchen».

«Silvesterchlausen – Geächtet, Geduldet, Gefördert»: So der Titel des neuen Buchs von Johannes Schläpfer. An Mittwochabend in der Bibliothek liest der Teufner aber nicht nur daraus vor. Er erzählt auch von seiner Recherche, vom Chlausen im Ausland, von Verboten in der Heimat und von Frauen hinter der Larve.

Sie stehen etwas gedrängt. Im grossen Raum ist kein Platz mehr. Die Stühle sind besetzt, einige Zuschauende stehen dahinter – vor den Bücherregalen. Trotz der vielen Leute wird es in der Bibliothek sofort andächtig still, als der Muldenschuppel sein erstes Zäuerli anstimmt. Man ist sich bewusst: Das ist eine Seltenheit. Die Männer, denen hier kaum Platz für einen Kreis bleibt, singen für einmal ohne Larven, Hauben und Hüte. Die beiden Silvester sind schliesslich vorbei. Heute stimmen sie das Publikum mit ihrem Gesang auf den Abend ein. Denn es geht ums Silvesterchlausen. Genauer: Um das neue Buch des Teufner Germanisten und Historikers Johannes Schläpfer. Aber ganz muss das Publikum nicht auf die Silvester-Kleidung des Muldenschuppels verzichten. Eine Haube und zwei Hüte haben sie mitgebracht. Sie dürfen später «aus der Nähe» inspiziert werden. «Das ist ein Privileg. So sieht man sie selten. Aber seien Sie bitte vorsichtig. Das sind richtige Kunstwerke.» Bibliothek-Leiterin Karin Sutter begrüsst. Und teilt nach dem begeisterten Applaus auch gleich einen ersten Silversterchlausen-Fakt: «Nach dem Zauren wird nicht geklatscht. Man sagt eigentlich ‘Bravo!’.»

Nun übernimmt Johannes Schläpfer. Auch er startet stimmungsvoll: «Die Appenzeller Hügellandschaft liegt unter einer dicken Pulverschneedecke. Es ist bitterkalt. Sterne funkeln und glitzern am Firmament. Da setzt ein rhythmisches Rollen und Schellen ein (…). Es ist Silvester.» Es sind die ersten Sätze seines neuen Buchs «Silvesterchlausen – Geächtet, Geduldet, Gefördert». Und einer der wenigen Vorlese-Momente heute Abend. Schläpfer nennt die Präsentation ein «Parlando». Er verzichtet dabei allerdings auf den Sprechgesang: «Ich werde nicht nur lesen, sondern auch etwas aus dem Nähkästchen plaudern.»

1585, 1663 und 1744

Die Entscheidung fiel auf einem Winterspaziergang in den Appenzeller Hügeln. Ziemlich passend. Das war vor zwei Jahren. Am 28. Januar sagte Johannes Schläpfer «Ja» zur Anfrage des Appenzeller Verlags. «Sie meinten, es bräuchte wieder Mal ein neues Silvesterchlausen-Buch. Das letzte sei schon fast 40 Jahre alt.» Während dieses längeren Ausflugs kam er aber nicht nur zu seinem Beschluss – er formulierte auch ein Inhaltskonzept. Statt wie bei anderen Werken übers Brauchtum soll es in diesem Buch weniger um die Beschreibung des Chlausens gehen. «Das kann man jedes Jahr beobachten oder in den Medien verfolgen.» Stattdessen setzte Johannes Schläpfer drei Schwerpunkte: Quellenlage, Verbote und das Chlausen als Exportgut. Und rasch wird klar: Das mit den Quellen ist nicht ganz einfach. Aber drei Jahreszahlen haben sich bei der Recherche doch herauskristallisiert.

1585 (noch vor der Landteilung 1597): Hier wird erwähnt, dass «vor vielen Jahren beschlossen» worden ist, das Neujahrssingen unter die Strafe von einem Pfund Pfenning zu stellen. Nur «Sondersieche» und «Arme Leute» würden so um Almosen betteln.

1663: Nun wird die Synode der reformierten Landeskirche in Ausserrhoden vorstellig. Sie wünscht sich ein Verbot dieses «abergläubischen» Brauchs. Insbesondere am Lärm bzw. an den Schellen stört sich die Kirche.

1744: Der Grossrat von Ausserrhoden behandelt zum ersten Mal das «Chlausen» (1. Erwähnung). Und beschliesst, es zu «allen Zeiten unter Straf- und Busse» zu stellen. Im Jahr 1836 stimmte übrigens auch die Landsgemeinde einem Verbot zu – unter 2 Gulden Strafe (in den Armenseckel).

«Gleich vorneweg: Keine dieser Massnahmen hatte Erfolg. Wie wir wissen: Wer den Appenzellern etwas verbietet, erreicht oft das Gegenteil.» Aber die Recherche inspirierte Johannes Schläpfer zu einer Theorie über die Entstehung der heutigen Brauchform: «Erst wird das Singen verboten. Niemand kommt mehr aus dem Haus, um den Chläusen zuzuhören. Was also tun? Lärm machen natürlich. Und das geht am besten mit Schellen. Dann droht die Kirche mit dem Vorenthalten der Konfirmation, falls man erwischt wird. Die Lösung? Das Gesicht verdecken. So kam es wohl zu den ersten Lumpenchläusen. Deshalb musste 1744 auch das verkleidete ‘Chlausen’ verboten werden. Nach und nach wurden daraus wohl die heutigen ‘Wüeschte’, ‘Schö-Wüeschte’ und ‘Schöne’.»

Es gab allerdings noch andere einschneidende Ereignisse, die das Silvesterchlausen gefährdeten. Kriege und Seuchen beispielsweise. So wurde es 1938 wegen des Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche sogar in Urnäsch verboten – trotz gegenteiliger Anträge von Wirten «aus dem Tal». «Und kürzlich war natürlich Corona. Aber auch da hielten sich nicht alle Schuppel an die Vorschrift. Und generell lässt sich beobachten: Im Nachgang einschneidender Ereignisse ist das Brauchtum jeweils eher erstarkt.»

Frauen als Chläuse?

Dem Schuppel wäre es lieber, Johannes Schläpfer würde das gar nicht erwähnen. «Warum denn? Mich stört es überhaupt nicht, wenn eine Frau Chlausen geht.» Er spricht von einem der vielen Ausflüge von Ausserrhoder Silversterchläusen ins weit entfernte Ausland. Das war Anfang der 90er Jahre. Ein Steiner Schuppel sollte Paul Giger nach Indien begleiten. Doch kurz vor der Abreise brach der Golfkrieg aus und eines der Rollenweiber sagte ab. «Guter Rat ist teuer. Ein Ersatz musste her. Und ich weiss: Es war eine Frau.» Auch ein Frauen-Schuppel beim klassischen Chlausen wäre für Johannes Schläpfer durchaus denkbar. «Es gibt ja diesbezüglich keine Vorschriften. Man müsste es einfach machen. Und sich aber bewusst sein: Es ist ‘choge’ streng.»

Für ihn ist auch klar: Mit der Gleichstellungs-Diskussion hat der rein «männliche» Brauch nichts zu tun. Es habe sich einfach ergeben, dass die «Burschen» Chlausen gingen. «Grundsätzlich steht es allen offen.» Das gilt auch für die geographische Diskussion. Seine Recherche ergab: Das Silvesterchlausen «gehört» keineswegs dem Hinterland. Sogar in Hemberg und bis Flawil hat er Spuren bzw. historische Belege für Chläuse gefunden. «Und sowieso: Wenn Vorderländer Zauren können, dann können sie doch auch Chlausen, nicht?»

Beim Abschluss-Zäuerli des Muldenschuppels ist es wieder still. Und als der letzte Ton verklungen ist, wird klar: Die Appenzeller lassen sich wirklich nur ungern etwas verbieten. Das gilt auch fürs Klatschen.  tiz

Hinweis: Hier finden Sie das neue Buch von Johannes Schläpfer – erschienen beim Appenzeller Verlag.

Top-Artikel

Top-Artikel

Anzeige

Anzeige

Nächste Veranstaltungen

Samstag, 24.01.2026

Mottopräsentation Fasnacht

Dienstag, 27.01.2026

Die Fassade als Maske

Aktuelles

×
× Event Bild

×
×

Durchsuchen Sie unsere 7769 Artikel

Wetterprognose Gemeinde Teufen

HEUTE

20.01.26 04:0020.01.26 05:0020.01.26 06:0020.01.26 07:0020.01.26 08:00
-3.9°C-4°C-3.5°C-3.2°C-3°C
WettericonWettericonWettericonWettericonWettericon

MORGEN

21.01.26 05:0021.01.26 09:0021.01.26 12:0021.01.26 15:0021.01.26 20:00
-1.6°C-0.7°C3.5°C4.3°C-0.1°C
WettericonWettericonWettericonWettericonWettericon

Anmeldung Newsletter

Spannende Themen und aktuelle Veranstaltungen direkt ins Postfach!

Nach Ihrer Anmeldung bekommen Sie einmal pro Woche ausgewählte Lese- und Veranstaltungstipps aus unserer Redaktion.