Am 5. Februar 2026 scheint in Teufen schon früh am Morgen die Sonne, wie so oft in diesem Winter. Richtung Fürstenland ist der Nebel zu sehen. Trotzdem machen sich 32 Mitglieder der Wandergruppe Tüüfe auf den Weg zum Treffpunkt in Kradolf TG und treffen dort pünktlich um 10.15 Uhr ein. Ja, es hat Nebel, aber er liegt ziemlich hoch und die Sicht ist recht gut bei Temperaturen leicht über Null.
Teigwaren vom Ernst
Wanderleiter Bruno Willi führt die Gruppe durch Kradolf am imposanten Hafermühlensilo der ehemaligen Teigwarenfabrik Ernst vorbei. Sie wurde 1858 von Johann Jakob Ernst gegründet und war bis 1992 in Betrieb. Die Einheimischen sprechen vom «Teigi-Areal», das heute vor allem als Gewerbe- und Atelierstandort dient.
Überlebt hat auch die Marke Ernst, «die mit dem Glücks-Chäferli». Ein Stück Tradition und Nostalgie. Seit 1998 wird sie unter dem Dach der Pasta Premium AG in Frauenfeld produziert.








Thurkanal
Die Wanderung führt von Kradorf via Ruhberg und dem kleinen Weiler Bleiken, Richtung Sulgen. Von dort wandert die Gruppe durch den Auholzwald bis zum Thurkanal, der parallel zur Thur fliesst.
Der Thurkanal in Sulgen wurde nicht als einzelnes Bauwerk in einem bestimmten Jahr erstellt, sondern ist Teil der historischen Thurkorrektionen des 19. und 20. Jahrhunderts. Er diente mehr als 250 Jahre dem Hochwasserschutz, der Gewinnung von Agrarland und der Speisung von Fabrikkanälen und Mühlen. Seit 1997 dient der Kanal der Grundwasser-Anreicherung für die regionale Trinkwasserversorgung.
Der Wanderweg führt dem Thurkanal entlang bis nach Bürglen. Unterwegs begegnet die Gruppe einer ungewöhnlichen, sehr langgezogenen, noch im Bau befindlichen, Häuserreihe mit flachen Dächern und Vorgärten aus Betonmauern. Die Meinungen in der Gruppe gehen weit auseinander, was die Architektur betrifft.
Kammgarn-Spinnerei
Wanderleiter Bruno Willi zeigt ein Foto aus dem Internet. Darauf zu sehen ist die ehemalige Kammgarnspinnerei, die bis vor kurzer Zeit am Standort der neuen Überbauung – zwischen der Thur und dem Thurkanal – stand.
1844 gründeten die Gebrüder Leumann zuerst eine Rotfärberei. Daraus entstand 1872-1874 die Kammgarnspinnerei. Sie war massgeblich daran beteiligt, das ländliche Dörfchen in einen blühenden Industriestandort zu verwandeln. Es wurden hauptsächlich Wollgarne hergestellt.
Die Thurtal-Bahnlinie und der Ausbau des Fabrikkanals schufen die logistischen und energetischen Voraussetzungen für den Grossbetrieb. Das Unternehmen zog viele Arbeiterinnen, vor allem aus Italien, an. Der Ausländeranteil in Bürglen stieg von 3 Prozent im Jahr 1870 auf über 40 Prozent (bei den Frauen gar 57 Prozent) im Jahr 1910. Es gab eigene Wohnprojekte für die Arbeitnehmenden im sogenannten Neubürglen. Noch 1990 erzielte die Spinnerei einen Umsatz von 83 Millionen Franken und hatte einen Anteil von 10 Prozent an exportierten Schweizer Wollgarnen.












Chnusper-Egge
Nach Halb-Ein-Uhr erreicht die gut gelaunte Wandergruppe das Dorf Bürglen. Schwere Traktoren – mit je zwei Anhängern voller Zuckerrüben – dominieren den Mittags-Verkehr. Hunger macht sich bemerkbar. Gut, dass der «Chnusper-Egge» der Bäckerei an der Bahnhofstrasse in Bürglen nicht mehr weit ist.
Ofenfleischkäse, Kartoffelgratin und drei Gemüse oder Älplermaccaronen (vegetarisch) konnten im Voraus bestellt werden. Es schmeckt herrlich und tut rundum gut. Wer immer noch Hunger hat, bekommt Nachschlag. Einige geniessen einen Kaffee oder gar einen Dessert aus der Hauskonditorei, bevor es weitergeht.
Oh Wunder, der Nebel hat sich gelichtet. Die Wintersonne und der blaue Himmel blenden gar die Augen. Alle, die die kurze Distanz gewählt haben, spazieren zum nahegelegenen Bahnhof und fahren nach Hause oder geniessen den freien Nachmittag.
















Schloss Bürglen
Die Mehrheit der Teilnehmenden entscheidet sich für die Nachmittagswanderung. Auf einer kleinen Anhöhe thront ein Schloss. Ein Storch sitzt zuoberst auf einer Kaminmauer und putzt sein Gefieder. Der Wanderleiter gibt Erläuterungen zum eindrücklichen Bau, der die regionale Geschichte seit 850 Jahren prägt.
Das Schloss wurde im 13. Jahrhundert als befestigte Anlage für die Freiherren von Bürglen errichtet. Die urkundliche Erwähnung des Burgfrieds reicht bis ins Jahr 1176 zurück. 1579 kaufte die Stadt St.Gallen das Schloss, das bis 1798 als Sitz des städtischen Vogtes im Thurgau diente. 1874 konnte es die Gemeinde Bürglen erwerben. Seither wird das Gebäude als Primarschule genutzt.
Bei schönstem Winterwetter, unter strahlend blauem Himmel, wandert die Gruppe auf einem abwechslungsreichen Weg nach Sulgen zurück. Und siehe da: Was ist hinter der rauchenden Milchpulverfabrik der Firma Hochdorf zu sehen, bzw. «zu erahnen»? Der Alpstein mit dem Säntis. Die Wanderleitung hat ihr Versprechen eingehalten. Nach gut 11 Kilometer zu Fuss steigen die Wandervögel glücklich und zufrieden wieder in den «thurbo» Richtung Berge.



