«Komplexes Unterfangen mit vielen Akteuren»

04.07.2015 | TPoscht online
2 architekt meinrad hirt  hoerli
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Meinrad Hirt ist Architekt und Mitglied der Arbeitsgruppe, welche die Abstimmungsvorlage über einen Planungskredit von 1,2 Millionen Franken für das neue Sekundarschulhaus vorbereitet. Foto: zVg.

Wissen Sie bereits, wie das neue Schulhaus ungefähr aussehen könnte?

Wir kennen das Raumprogramm, das sich am Bedarf orientiert. Wir haben einen Vorschlag für den Standort: östlich des Primarschulhauses Landhaus. Und wir kennen unser Ziel: ein gutes bauliches Ensemble, eine Art Campus.

Der Neubau soll das Primarschulhaus und die Sportanlagen ergänzen. Er soll so geplant werden, dass bei Bedarf eine Erweiterung möglich ist und er leicht an sich ändernde Unterrichtsformen angepasst werden kann.

Das heutige Sekundarschulhaus lässt das nicht mehr zu?

Ein Erweiterungs- oder Neubau im Hörli wäre machbar, später nötig werdende Ausbauten aber kaum mehr. Zudem ist die verkehrsmässige Erschliessung nicht optimal.

Und die vorhandene Bausubstanz im Hörli?

Die ist grundsätzlich gut. Auch das haben wir abgeklärt. Dennoch müsste ungefähr gleich viel investiert werden wie für einen Neubau im Landhaus, weil Wärmedämmung und Heiztechnik erneuert, neue Brandschutzvorschriften sowie aufgrund des Behindertengleichstellungsgesetzes das hindernisfreie Bauen berücksichtigt werden müssen.

Da zusätzlich die Raumeinteilung nicht optimal ist, haben wir auch kurz erwogen, das 1969 erbaute Schulhaus am gleichen Ort durch einen Neubau zu ersetzen. Schliesslich kamen wir aber zum Schluss, dass man so viel Geld nicht in ein Projekt investieren sollte, das nur halb zu befriedigen vermag und sich in Zukunft nicht weiter entwickeln lässt.

In der Schweiz stehen viele alte Schulhäuser, die immer noch ihren Dienst erfüllen.

Im 19. Jahrhundert und bis zum 1. Weltkrieg wurden Schulhäuser meist in klassizistischem Stil gebaut. Sie brachten ein neues Staatsverständnis zum Ausdruck, den Stolz auf die 1874 eingeführte allgemeine Schulpflicht – eine Errungenschaft. Es entstanden stattliche Bauten mit hohen Räumen, die bis heute gut nutzbar sind.

Auch das um 1905 erbaute «alte Hörli» gehört in diese Kategorie. Nach dem ersten Weltkrieg änderte sich die Stimmung. Gegen die Düsternis der Zeit wollten Architekten mit funktionalen, lichtdurchfluteten, luftigen Bauten ankämpfen. Das Bauhaus, die 1919 in Weimar gegründete Schule, welche Kunst und Handwerk zusammenführte, prägt die Architektur bis heute. Auch diese Epoche brachte markante Gebäude hervor, die repräsentativ für ihre Zeit und den Zeitgeist sind.

Lässt sich an ihnen auch der Wandel der Schule, der pädagogischen Haltung, ablesen?

Sehr deutlich sogar. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Klassenzimmer das abgeschlossene Reich des Lehrers. Nichts sollte den Unterricht stören. Waren anfänglich die Zimmer – meist noch geschlechtergetrennt – mit mehr als 50 Schülerinnen oder Schülern belegt, reduzierte sich diese Zahl im Verlaufe der Zeit auf rund die Hälfte.

Parallel dazu wurde der Frontalunterricht von offeneren Unterrichtsformen, z.B. dem kooperativen Lernen, abgelöst. Wissen wird nicht mehr nur von der Lehrperson vermittelt, gelernt wird vermehrt gegenseitig von Schüler zu Schüler. Die Klassenzimmer werden jetzt häufig zu dreien als «Cluster» um einen Gruppenraum angeordnet und sind zu einem grossen Teil einsehbar.

Dazu gekommen ist eine weitere Möglichkeit, indem Lernbereiche zu Lernlandschaften ausgeweitet werden. Und bereits zeigt sich eine neue Tendenz, ausserschulische Bildungsorte mit der eigentlichen Schulanlage zu Bildungsnetzwerken zusammenzufassen.

Manche Schulhäuser erinnern heute fast ein wenig an Fabriken.

Das muss nicht sein. Schulhäuser sollten mehr als Lernfabriken sein: Sinnreiche, qualitätsvolle Bauten, in denen man sich wohl fühlt. Schliesslich verbringen Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte einen grossen Teil des Tages in ihnen. Der Begriff der «Wohnstube» für das Schulzimmer ist immer noch aktuell, auch wenn berücksichtigt werden muss, dass heute die Wohnzimmer grösser sind und anders aussehen als noch vor 100 Jahren.

Manche der Ansprüche, die an Schulhausbauten gestellt werden, scheinen sich zu widersprechen.

Das ist so: Schulhäuser baut man für eine sehr lange Zeit. Die Gesellschaft und mit ihr die Schule und die pädagogischen Konzepte verändern sich aber relativ schnell. Schon nach wenigen Jahren kann eine Methode als überholt gelten. Wer ein Schulhaus plant, sollte deshalb auf Flexibilität achten.

Pädagogik und Architektur müssen einen gemeinsamen Nenner finden. Der Schulhausbau ist ein komplexes Unterfangen mit vielen Akteuren. Wichtig ist, dass im Prozess möglichst alle Seiten mitwirken: Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Behörden, politische Parteien. Aufgabe der sich am Architekturwettbewerb beteiligenden Büros ist es, trotz der sich teilweise widersprechenden Forderungen einen Wurf zu kreieren: Ein standortgerechtes, ökonomisches und ökologisches Gebäude, das nicht nur für die Schule, sondern auch für das Dorf identitätsstiftend ist.

Interview: Hanspeter Spörri

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