Die Anreise ab Teufen dauert knapp 80 Minuten. Von Wattwil fährt das Postauto die schöne und kurvenreiche Strasse hinauf ins Dorf Hemberg. Viele denken ans legendäre Bergrennen, das seit 2012 wieder jährlich ausgetragen wird und Tausende von Besuchern anlockt. Oben angekommen, direkt neben der Evangelische Kirche, fangen deren Glocken an zu läuten; laut und vor allem lange. Es ist das «Elfi-Glüt» oder Mittagsläuten, eine tief verwurzelte Tradition in vielen Schweizer Gemeinden (so auch in Teufen). In früheren Jahrhunderten besassen die Bauern auf den Feldern keine Uhren. Das Geläut um 11:00 Uhr signalisierte ihnen, die Arbeit auf dem Feld zu beenden, das Vieh zu versorgen und nach Hause zu gehen, um pünktlich um 12:00 Uhr essen zu können.
Viel auf und ab …
Die offizielle Begrüssung der 25 Teilnehmenden findet erst weiter oben im lang gezogenen Dorf statt. Neben der Katholischen Pfarrkirche im Oberdorf ist es ruhig. Die Politische Gemeinde Neckertal (Wahlkreis Toggenburg, Kanton St. Gallen) umfasst fünf ehemalige Gemeinden. Am 1. Januar 2009 fusionierten Brunnadern, Mogelsberg und St. Peterzell. Am 1. Januar 2023 sind Oberhelfenschwil und Hemberg dazugestossen. Das blau-weisse Gemeindewappen zeigt eine Sonne über fünf Tannen und darunter den Bach Necker. Dieser ist 32 Kilometer lang. Er entspringt beim Ofenloch (dem Grand Canyon der Ostschweiz) und mündet in Lütisburg in die Thur.
Der Wanderweg führt am Obstgarten Hemberg vorbei. Heute reicht die Zeit nicht für eine Besichtigung. Es könnten rund 200 Obst-, Wildobst- und Beerensorten bestaunt werden. Einige sind mehr als 2000 Jahre alt. Die Anlage ist rollstuhl- und kinderwagengängig. Die Aussicht auf die hügelige Landschaft ist herrlich, auch wenn es mehr Wolken am Himmel hat, als die letzten Wochen. Die Wanderung führt fortan hinunter nach Hinterhemberg bis zum kleinen Weiler Bad. Bereits um 1640 wurde der Ort als Kurort und Heilbad erwähnt. Im moorig-grünlichen Weiher kann gebadet werden. Hier gibt es auch einen rund drei Kilometer langen Kneipp- und Themenweg mit Armbad und Wassertretanlage.
Auf einem der roten Sitzbänke am Weiher öffnet unsere einstige Dorflehrerin einen roten Koffer und was findet Sie? Bücher und Schreibzeug.
Nach der Überquerung der gedeckten Holzbrücke geht’s den herbstlichen Eggliwald hinauf. Oben angekommen geniessen die Wandernden die herrliche Aussicht und einen Schluck aus der mitgebrachten Trinkflasche. Die Temperaturen liegen knapp über 20 Grad, bei hoher Luftfeuchtigkeit.















Im Skihus
Die Wiesen auf rund 1000 Meter Höhe sind erstaunlich saftig. Die zahlreichen Kühe scheinen es sehr zu geniessen. Die Gruppe erreicht den kleinen Weiler Wald, von wo aus der letzte Anstieg zum Restaurant Skihus Hemberg führt. Mittlerweile ist es kurz vor halb eins. Hunger und Durst machen sich bemerkbar.
Das Skihus gehört der Skilift Hemberg AG, die 1969 gegründet wurde. Das Restaurant ist seither mehrmals saniert und ausgebaut worden und hat dabei seinen Charme behalten. Das Skigebiet Hemberg ist ideal für Familien und Anfänger. Wenn es denn genügend Schnee hat …
Wirtin Maya begrüsst die Mitglieder der Wandergruppe herzlich. Sie und ihr kleines Team verwöhnen ihre Gäste mit Selbstgekochtem und Selbstgebackenem. Hackbraten, Spätzli, Karotten-Kohlrabi-Gemüse oder Spätzli-Gemüse mit Spiegelei. Kaffee, Zimt- oder Schokoladenkuchen, Vermicelle und vielem mehr.
Auf Beststellung kann ab zwei Personen die Hausspezialität genossen werden: ein Mongolentopf (würziges Brühfondue mit Fleisch und Gemüse). Natürlich alles selber zubereitet.
Nach dem leckeren Mittagessen und den angeregten Gesprächen bricht um 14 Uhr die erste Gruppe auf. Sie wandern heute die lange Strecke, via Hemberg bis hinunter nach St. Peterzell. Die andere Hälfte wandert etwas gemütlicher ins Dorf Hemberg zurück. Die Route beider Gruppen führt zuerst noch einmal hinauf zur Riegelschwendi (1130 m) und dann steil hinunter nach Fuchslöcheren. Dies ist für die Teilnehmenden eine gewisse Herausforderung; ausrutschen verboten. Auf den letzten 2.5 Kilometer, via Eggli bis Hemberg, sind dann weniger Höhenmeter zu überwinden. Total werden es heute rund 300 Höhenmeter Auf- und Abstieg sein und für die lange Strecke 550 Meter Abstieg.

















Imposante Kirchen
Bei der Rückkehr in Hemberg kann zuerst die Katholische Kirche kurz besichtigt werden. Sie wurde 1782 eingeweiht und gilt als barocke Schönheit. Eine Besonderheit ist die wetterseitige Fassade aus Holzschindeln, welche als markanter Kontrast zum üppigen Innern wirkt.
In den Jahrhunderten davor hatte das Dorf nur eine Kirche, welche paritätisch genutzt wurde. Es gab zwei Kirchenbrände in den Jahren 1460 und 1623.
Weiter unten im Dorf dürfen wir danach einen Blick in die Evangelische Kirche werfen, diejenige die um 11 Uhr so lange geläutet hatte. Sie ist drei Jahre älter als die Katholische und zeigt einen völlig anderen Stil im Innern. Sie wurde nach dem Vorbild der Grubenmann-Kirchen erbaut und steht heute als Baudenkmal unter Bundesschutz. Im Innern dominieren Schlichtheit und Holz. Sie ist begehrt für Konzerte (sehr gute Akustik) und für Hochzeiten.
Auch im Dorf St. Peterzell sehen wir von weit oben schon die imposante Katholische Kirche (St. Peter und Paul) mit angebauter Probstei. Erwähnt wurde ein Gotteshaus an dieser Stelle bereits 1225. 500 Jahre später, 1722/23 wird sie durch den heutigen Barockbau ersetzt.
St. Peterzell verdankt seinen Namen der «cella sancti Petri» (hl. Petrus), dem kleinen Benediktinerkloster (Probstei/Klosterniederlassung), wo bis 1805 Mönche lebten.
Historische Häuser
Der Abstieg nach St. Peterzell ist teilweise steil und führt über heutzutage wenig begangene Wege. Sie führen an schmucken alten Häusern vorbei, die davon zeugen, dass die Besucherfrequenz früher grösser war. So beispielsweise in Hofstetten. Neben dem 400 Jahre alten, ehemalige Gäste- und Pilgerhaus (1622) stehen zwei weitere Holzhäuser (1684). Besondere Aufmerksamkeit galt den Eingängen. Am ältesten Haus streckt eine geschnitzte Fratze den Besuchern die Zunge entgegen – wohl als spöttischer Schutz vor unerwünschten Gästen.
Oberhalb von St. Peterzell steht am steilen Abhang ein prachtvolles Giebelhaus (um 1720) mit reich bemalter Holzfassade, im Rokoko-Stil (mit 77 unterschiedlichen Motiven): das Haus zum «Bädli». Es steht am alten Saumpfad nach Hemberg und gleichzeitig am Jakobsweg zwischen Rorschach und Einsiedeln und ist Zeuge des damaligen Lebens.
Die heutige Wanderung endet wenige Minuten weiter unten. Endlich zeigt sich auch der Necker, der leider nur wenig Wasser führt. Und das Postauto Richtung Degersheim wartet vor der Kirche auf die letzten Wandernden.














