«Der Trauerprozess braucht Mut und Kraft»

12.12.2025 | TPoscht online

Rebecca Menzi erlebt, welche Kraft Angehörige von Sterbenden brauchen, um diese in der letzten Lebensphase zu begleiten und den endgültigen Verlust anzunehmen. Sie möchte auch ihnen Halt geben und ihnen im Trauerprozess beistehen.

Pflegefachfrau und Naturheilpraktikerin Rebecca Menzi begleitet Menschen in ihrem Trauerprozess. Fotos: Monica Dörig

Monica Dörig

«Trauer als Zustand wird oft nicht angesprochen. Schweigen kann jedoch Unsicherheit, Ängste und das Gefühl des Alleinseins auslösen», weiss Rebecca Menzi aus Erfahrung. Die Pflegefachrau HF mit Zusatzausbildung in Palliativpflege arbeitet im Teilpensum im Hospiz St.Gallen. Dort begleitet sie Sterbende auf ihrer letzten Lebensetappe. Sie möchte den Hinterbliebenen Mut machen, «der Trauer Raum zu geben». Der Sterbeprozess sei wie die Geburt ein individueller Ausnahmezustand, sagt sie: «Jeder Mensch hat dafür sein ureigenes Zeitfenster».

Manche gehen in einem Moment, in dem sie allein sind, aus der Welt. Andere warten bis ihre Nächsten um sie versammelt sind. Manche gleiten nicht mehr ansprechbar im Dämmerzustand vom Leben in den Tod, andere sterben unvermittelt, wenn niemand es erwartet.

Trauern ist individuell

Rebecca Menzi erlebt oft, dass danach Trauernde ambivalente Gefühle plagen: Die letzte Lebensphase der Sterbenden war vielleicht von Leiden oder von einem schwierigen Sterbeprozess geprägt. Nach dem Tod sind Angehörige manchmal erleichtert, dass der geliebte Mensch nicht länger leiden muss. Andererseits können sich diffuse Schuldgefühle bemerkbar machen; sie fragen sich: Habe ich alles getan, was möglich war? Habe ich mich genügend um die Bedürfnisse der schwer erkrankten Person gekümmert?». Oft trifft die Angehörigen die Endgültigkeit hart: ein wichtiger Mensch ist nicht mehr da. «Manchen gibt ihre Spiritualität Halt», ergänzt Rebecca Menzi.

Obwohl heute offener über Sterben und Tod gesprochen werde, sei der Trauerfall immer noch mit Vorstellungen und Erwartungen verknüpft, sagt sie. Auch das könne Hinterbliebene verunsichern. «Ich rate ihnen, bewusst von den Verstorbenen Abschied zu nehmen, sie nochmals zu berühren, mit ihnen in Dialog zu treten.» Auch Rituale können helfen, diesem Lebensabschnitt und den Empfindungen eine Form zu geben. Ein besonderes Anliegen ist Rebecca Menzi, den Trauernden zu versichern: «Jede Person darf in dieser Situation genauso sein und so trauern wie es für sie stimmt».

Trauerbegleitungen

Es sei wichtig, die Trauernden und ihre Gefühle ernst zu nehmen, führt sie aus. Im Moment, in dem man mit dem Tod konfrontiert wird, werde auch die eigene Endlichkeit Gewissheit. Das könne beunruhigen, gar angsteinflössend sein, weiss die Fachfrau. «Auch das gehört zum Prozess.» Wenn Hinterbliebene «in ein Loch fallen», wenn sie unter Nervosität oder Schlaflosigkeit leiden oder das Immunsystem aus der Balance gerät, rät sie ihnen, Hilfe zu holen. «Das ist kein Zeichen der Schwäche, sondern Selbstfürsorge».

Es gibt diverse Angebote wie Trauerbegleitung, Selbsthilfegruppen oder Erfahrungsaustausch wie im Trauercafé in Herisau oder auch im Hospiz. Rebecca Menzi ist auch approbierte Naturheilärztin, spezialisiert auf Essstörungen, Begleitung von Menschen in Trauer, Phytotherapie und Hypnose. Sie hilft Trauernden in ihrer Praxis in Teufen, die Emotionen, die Leere und die Stille zu integrieren sowie Kraftquellen zu finden oder zu reaktivieren. Trauernden im Hospiz steht sie im Rahmen der Möglichkeiten bei, auf Wunsch auch Seelsorgende.

In ihrer Naturheilpraxis in Teufen begleitet Rebecca Menzi unter anderem Menschen in Trauer.

Wogen der Trauer

Wenn ein Mensch im Hospiz stirbt, werden die Angehörigen bei den Formalitäten unterstützt. Die Verstorbenen bleiben in der Regel bis zu drei Tage dort; in dieser Zeit findet ein «Austrittsgespräch» mit den Hinterbliebenen statt. Einfach formuliert könnte man zusammenfassen:  Sterbende werden mit einem breitgefächerten Angebot umsorgt. Das ist die Kernaufgabe im Hospiz: Die letzte Lebenszeit würdig und schmerzfrei zu gestalten, so schön wie möglich. Die Angehörigen werden während des Aufenthaltes im Hospiz ebenso achtsam und würdig umsorgt wie die Sterbenden. Beim Austritt sind sie dann oft auf sich gestellt. Besonders pflegende Angehörige opfern sich oft bis zur Selbstaufgabe auf. Es wäre wichtig, dafür zu sorgen, dass es allen gut geht, meint Rebecca Menzi.

Nachdem der geliebte Mensch gestorben ist, wird Hinterbliebenen oft zum «Loslassen» geraten. Das viel zitierte Wort impliziere eher wegschieben oder verdrängen. Oft wüssten Trauernde nicht wie mit ihren Gefühlen umgehen, manchen fehlt ein Gegenüber. Für sie will Rebecca Menzi da sein. Das Integrieren der Trauer helfe den Weiterlebenden eher, ist sie überzeugt. «Die Liebe und die Erinnerungen bleiben. Sie können zu einem inneren Ort transformiert werden. Es hilft, wenn man sagen kann, das ist ein Teil von mir, alle Gefühle, auch die schwierigen, gehören zu mir.» Dabei möchte sie trauernde Menschen begleiten. Sie sagt, die Auseinandersetzung mit schwierigen Themen gäben ihrer Arbeit Sinn.

Sie weiss, die Trauer kommt in Wellen. Sie kann jemanden unverhofft überwältigen.  «Die Zeit heilt keine Wunden. Aber die Wogen der Trauer werden mit der Zeit gleichmässiger, man lernt damit zu leben. Der Trauerprozess braucht Mut und Kraft», sagt Rebecca Menzi. «Widerstände gegen schwierige Gefühle täuschen über die Trauer hinweg, sie schieben sie nur auf. Irgendwann holen die Gefühle einen ein.»

Jeder Tag ein Geschenk

Rebecca Menzi, Mutter von drei Kindern im Alter zwischen 16 und 20 Jahren, bestätigt, dass sie sich als Pflegefachfrau in der anspruchsvollen Palliativ-Pflege abgrenzen kann. «Aber manche Geschichten nehmen mich mit», gesteht sie. «Ich praktiziere professionelle Nähe. Ich bin ein Mensch, keine Maschine. Wenn ich 9 Stunden am Stück im Hospiz arbeite, kostet mich das viel Kraft. Dann tanke ich in der Natur, in der Stille auf. Oft bin ich mit unserem Familien- und Hospizhund Samo unterwegs.»
Sie rät, bei Begegnungen mit Trauernden, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszusprechen.  «Es hilft, wenn man sagt, dass einem die Worte fehlen. Das ist besser, als darüber hinweg zu plaudern oder die Strassenseite zu wechseln.» Viele Hinterbliebene sind dankbar, wenn sie über die Verstorbenen sprechen können – und darüber wie es ihnen nun geht.

Trauerfälle erinnern daran, dass niemand ewig lebt. Rebecca Menzi ist überzeugt, wenn es gelingt, bewusst zu leben und die Verbindung zum eigenen Innersten zu pflegen, wird das Leben in jedem Moment wertvoll.

Palliative Care – was ist das?

Unter dem Begriff Palliative Care sind alle Massnahmen versammelt, die die letzte Lebensphase unheilbar erkrankter Menschen so erträglich wie möglich zu machen. Die individuelle Lebensqualität steht dabei im Fokus: Das kann Schmerz- und Angstlinderung sein, das Verbringen der letzten Lebenszeit im gewohnten Umfeld; das kann die Erfüllung letzter Wünsche beinhalten oder die Gestaltung des Abschieds mit Ritualen. Palliative Care umfasst medizinische Pflege, psychologische, soziale und spirituelle Betreuung – daheim, im Altersheim oder im Spital – und bezieht die Angehörigen ein.

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