Diakon Stefan Staub ist auf der Suche nach einer neuen Sprache der Kirche. Foto: Archiv
In der Ukraine tobt nach wie vor der Krieg. Jeden Tag liest, hört und sieht man neue Schreckensmeldungen. Diakon Stefan Staub hat diese Woche aber auch eine schöne Nachricht erhalten: einen Dankesbrief für den Rettungskonvoi vom März. Das Schreiben stammt von der ukrainischen Botschaft.Herr Staub, was bedeutet Ihnen der Brief?
Für mich ist es eine sehr schöne und wertvolle Geste der Dankbarkeit. Anscheinend hat man sogar in der Botschaft von unserer Aktion gehört. Natürlich geht es bei dem Dank weniger um das Ausmass, sondern die Spontanität und «Unkompliziertheit» der Sache.
Wie ist denn der Stand bei den ukrainischen Flüchtlingen? Sind sie noch hier?
Das sind sie, ja. Inzwischen sind sie aber sehr selbständig unterwegs. Unsere Kerngruppe trifft sich nur noch bei Bedarf bzw. bei ausserordentlichen Situationen.
Wo wohnen die Gäste inzwischen?
Die allermeisten haben eine eigene Unterkunft. Sie wurde entweder durch uns oder den Kanton vermittelt – drei Parteien sind in den «Appenzellerhof» in Speicher gezogen. Auch das funktioniert sehr gut. Ich weiss nur von zwei Familien, die noch in privaten Einliegerwohnungen sind.
Einige haben auch Arbeit gefunden, oder?
Ja. Sie haben damit auch den Flüchtlings-Status S abgegeben.
Vor einigen Monaten sprachen wir darüber, dass einige weiterreisen – zum Beispiel in die USA – oder sogar in die Ukraine zurückkehren. Hat sich diese Bewegung fortgesetzt?
Nicht wirklich. Eine Rückkehr in die Ukraine ist zurzeit kaum ein Thema. Das Land steht unter ständigem Beschuss. Das liest man in den Medien – oder in den persönlichen Berichten von Pater Andrej.
Wie intensiv verfolgen Sie die Kriegs-Berichte?
Ich bin natürlich sehr interessiert und aufgrund unseres Engagements auch emotional involviert. Entsprechend häufig konsultiere ich das SRF. Eine Weile habe ich auch «russia today» geschaut. Aber das ist so offensichtliche Propaganda, dass ich es fast nicht ertrage.
Und wie sehr belastet Sie die Situation? Haben Sie Angst vor einer weiteren Eskalation? Vielleicht sogar einem Nuklearschlag?
Ich verspüre keine Angst um mich bzw. um mein Leben. Aber ich bin doch sehr besorgt, dass aus diesem Krieg eine Art Flächenbrand wird, der über Jahre oder Jahrzehnte schwellen könnte. Gut möglich, dass sich dieser Konflikt auf die russischen Verbündeten ausweitet und so das globale geopolitische Klima weiter verschärft. Das könnte zu einem neuen Kalten Krieg führen.
Wie ist die Stimmung in Ihrer Kirchgemeinde?
Alle spüren die unsichere Lage, aber sie gehen sehr unterschiedlich damit um. Einige verzichten bewusst darauf, sich weiter zu informieren und schauen gar nichts mehr an. Andere rutschen in eine Depression – gespiesen von der geopolitischen Lage, aber auch der Angst um die persönliche Zukunft. Die Energiekrise betrifft uns ja bereits direkt. Wieder andere hauen jetzt «erst recht auf den Putz» und geniessen, so intensiv sie können. Man kann also sagen: Es gibt sicher eine generelle Verstimmung. Aber die Bewältigungsstrategien sind individuell.
Was bedeutet das für Ihre Aufgabe als Pfarreileiter und Seelsorger? Gibt es ein «Universalrezept»?
Natürlich gehe ich auf das Individuum ein. Aber ich sehe schon eine generelle Aufgabe: Als Pfarreileiter spüre ich, dass das, was wir am Sonntag feiern, nicht mehr eins zu eins auf unsere Welt übertragbar ist. Für viele ist es realitätsfremd – die Sprache der Kirche findet auf einer anderen Ebene als unser Leben statt. Das muss sich ändern.
Das bedeutet?
Ich spüre eine starke Bewegung hin zur Spiritualität. In Krisen sucht der Mensch Halt und den findet er im Glauben. Dieses Bedürfnis müssen wir als Kirche befriedigen können und dafür benötigen wir die richtige Sprache. Es braucht etwas Neues. Das versuche ich mit angepassten Formen des Gottesdienstes: dialogisch, rituell etc.
Passt das in die katholische Kirche?
Klar. Es gab immer mal wieder Reformen in der katholischen Kirche – denken Sie nur an die Konzilien. Manchmal muss man diese Veränderungen aber etwas «anstupsen». Ausserdem sind die Menschen nicht «glaubensmüde», sie sind «kirchenmüde». Ich glaube nach wie vor mit vollem Herzen an das neu-testamentarische Gottesbild. Es ist mir eine gewaltige Stütze in dieser unsicheren Welt.
Und derzeit suchen vermutlich viele Menschen nach so einer Stütze …
Absolut. Deshalb soll die Kirche sie ja auch bieten. tiz